Tagblatt Online, 05. November 2011 01:04:00
Eine Schnecke als Schatz
Bunte Graffiti: Die Studenten der Fachhochschule haben während eines Tages versucht, Schätze im Stadtbild zu dokumentieren. (Bild: Jessica Rietdijk)
RORSCHACH. Einen Tag lang hat die Hafenstadt mehr als nur eine Schatzsucherin gehabt. Studenten der Fachhochschule sind mit Kameras losgezogen, um versteckte Geheimnisse zu dokumentieren.
DOMINIK BÄRLOCHER
Coop, La Vela, Ex Libris, Zubi: Wer tagtäglich in Rorschach verkehrt, der kennt diese Orte. Wer hier längerfristig bleibt, für ein Studium zum Beispiel, der kann schon bald sagen, wann die Schlangen im Supermarkt am kürzesten sind, wo es den besten Kebab gibt und wann welches Plätzchen am See am schönsten ist. Kurz: Rorschach kennt man innerhalb weniger Wochen wie die eigene Westentasche.
So scheint es zumindest. Das Gegenteil beweist ein Experiment der Fachhochschule St. Gallen an der Industriestrasse unter der Leitung von Mark Riklin. Gestern hat der Dozent eine Klasse in kleinen Gruppen losgeschickt, um «blinde Flecken» in Rorschach zu finden. Das sind verborgene Orte, die trotz Rorschacher Alltag schön anzusehen und bisher unentdeckt blieben – oder zumindest nicht dokumentiert worden sind. Mehr als das haben die Studentinnen und Studenten nicht als Einführung erhalten. Jedes Team hat eine Kamera dabei, um diese Augenblicke festzuhalten.
Gartenzaun als Grenze
Die Entdeckungen in dieser Stadt, die wenig Neues zu bieten scheint, verblüffen. So gibt es in der Hafenstadt irgendwo einen Schrotthaufen, Graffitis an einer verwitterten Backsteinmauer und eine Schnecke hat sich in einem Aschenbecher verkrochen.
Unter den Schatzjägern war Tabea Bruderer. Die 32jährige Hornerin hat das Bild mit der Schnecke im Aschenbecher – jeder Teilnehmer durfte nur ein Bild abgeben – zu ihrem Schatz gemacht. «Es zeigt auf, wie die Natur, obwohl sie manchmal verborgen zu sein scheint, immer ihren Weg findet», erklärt sie ihr Motiv. Während der Jagd nach ihrem einen Schnappschuss hat sie Grenzen überwunden. «Wir wurden angehalten, über Gartenzäune zu klettern», sagt sie. So seien Kontakte entstanden, die sonst nie zustande gekommen wären.
Fährte für die Schatzsucherin
Übergeben haben die Schatzjäger der Fachhochschule ihren fotografischen Fundus an die Schatzsucherin der Stadt, Barbara Camenzind. Sie schmunzelt angesichts der Bilder: «Ihr habt mir doch die eine oder andere Fährte für meine nächsten Schätze gelegt», sagt sie. Da sich in den 100 Aufnahmen die unterschiedlichsten Stadtbilder immer wieder spiegeln – in einem Schau- oder Zugfenster, einem Spiegel oder im Wasser – dürfte das wohl eine interessante Schatzfährte sein.
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