Tagblatt Online, 05. Mai 2012 10:18:00
Ein Poet mit Zukunftsplänen
Den Blick nach vorn gerichtet: Der Förderpreis ist für Renato Kaiser zusätzlicher Ansporn auf seinem Weg zum zweiten Soloprogramm. (Bild: Corina Tobler)
GOLDACH. Im Mai verleiht die St.Gallische Kulturstiftung ihre diesjährigen Preise. Ein mit 5000 Franken dotierter Förderpreis geht an Poetry-Slammer Renato Kaiser, der soeben nach Berlin aufgebrochen ist, um sein zweites Soloprogramm zu schreiben.
CORINA TOBLER
«Es ist richtig schön hier am See», sagt Renato Kaiser fast schon überrascht. Er ist zwar hier aufgewachsen, doch die Zeiten, als der Goldacher die Mehrheit seiner Tage am See verbrachte, sind längst vorbei. Er wohnt seit dem Beginn seines Studiums vor sieben Jahren in Fribourg und führt mittlerweile ein Vagabundenleben. Im Zug tingelt er von Auftritt zu Auftritt und führt «das beste Leben, das ich mir vorstellen kann». Einen Nachteil hat dieser Lebenswandel allerdings: Kaiser gerät mit dem Lesen seiner Post zuweilen etwas ins Hintertreffen.
Anerkennung wichtiger als Geld
Deshalb erfuhr er vom Förderpreis, den ihm die St. Gallische Kulturstiftung am 25. Mai im Pfalzkeller verleiht, auf speziellem Wege. «Ich bekam irgendwann eine Mail von einer Dame mit der Nachricht, sie müsse mich dringend treffen. Sonst könne sie die Laudatio nicht schreiben und ich meinen Preis nicht empfangen. Ich war ziemlich verwirrt, bis ich meine Post durchsah und unter den vielen Rechnungen den Brief der Stiftung entdeckte», erzählt Kaiser schmunzelnd. Die Auszeichnung kommt völlig überraschend, denn auf Preise hat er sich in seiner Arbeit nicht fokussiert.
«Ich bin zurzeit in der glücklichen Lage, von meinen Auftritten leben zu können. Jeder Künstler weiss, dass es Preise gibt, die besonders finanziell attraktiv sind. Für mich ist das Geld ein willkommener Zustupf, viel wertvoller ist mir aber die Wertschätzung, die der Preis ausdrückt», betont Kaiser. Dass er, obwohl er schon länger nicht mehr in der Region wohne, hier als Künstler wahrgenommen und anerkannt werde, sei eine grosse Freude. Wofür er die 5000 Franken, mit denen der Preis dotiert ist, einsetzen wird, war für den wortgewandten Nachwuchskünstler sofort klar. «Meine erste Reaktion war nicht:
Zwei Monate schreiben in Berlin
Konkret bezieht er sich auf die Aussicht, seine Textreihe über Ostschweizer im Exil in Buchform zu veröffentlichen, und vor allem auf sein zweites Soloprogramm. Dieses soll im Herbst Premiere feiern, muss aber erst noch geschrieben werden. Die Zeit, die bisher dazu fehlte, hat der Goldacher nun mit dem Angebot erhalten, bis Ende Juni in einer Künstlerwohnung in Berlin zu leben. «Ich war sofort begeistert. Die Wohnung hat genau von allem das Nötigste, es ist der perfekte Ort für konzentriertes Schaffen. Gleichzeitig bin ich mitten im Stadtleben.» Das brauche er, sagt Kaiser, der wegen seines Lebensstils von Kollegen oft als «Wahnsinniger» betitelt wird. Tatsächlich ist sein Alltag stark verplant. «In den vergangenen zwei Wochen gab ich ein Radio-Interview, fuhr für eine viertägige Slam-Tour nach Norddeutschland und referierte in einer Walliser Schule. Es folgten drei weitere Tage in Deutschland und ein Auftritt bei Luzern.»
Da bleibt wenig Zeit zur Erholung. «Ich brauche aber auch kaum Ferien, denn ich darf täglich das tun, was ich am liebsten mache.» Auch das Schreiben neuer Texte geschieht oft unter Zeitdruck– die werden schon einmal auf dem Weg zum Auftritt vollendet. Mit Inspirationsproblemen hatte Kaiser noch nie zu kämpfen, und auch Schreibblockaden kennt er nicht. «Dafür hatte ich bis jetzt gar keine Zeit. Aber wer weiss, vielleicht ändert sich das in Berlin», meint er mit skeptischem Blick.
Im Herzen ein Slam-Poet
Das neue Programm wird eine Herausforderung, denn anders als sein Erstling «Er war nicht so – ein Nachruf» soll es sich nicht um ein Best-of seiner Slam-Texte ranken. Kaiser dieses Mal mit Textformen, Bild und Video spielen. Komplett neu erfinden wird er sich jedoch nicht: «Den Slam-Poeten bringt man aus mir nicht raus. Ich liebe Slams, deshalb fahre ich ja auch stets so weit für Auftritte von wenigen Minuten Dauer.» Diese Liebe zum Schreiben und zur Bühne haben Kaiser zum erfolgreichen Künstler werden lassen, der er heute ist.
Hat er keine Angst, dass der Erfolg einmal ausbleiben könnte? «Ich plane nie weit voraus und mache mir deshalb darüber selten Gedanken.» Im Notfall, meint er augenzwinkernd, würde er sich eben einen Job in einer Bar suchen oder sein auf Eis gelegtes Geschichts- und Germanistik-Studium beenden. Zurzeit hat Kaiser aber allen Grund zur Zuversicht: «Ich hatte bisher riesiges Glück, all meine Ideen haben funktioniert. Es sieht gut aus, dass ich mindestens weitere ein bis zwei Jahre als Künstler überleben kann.»
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