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Tagblatt Online, 23. März 2010 01:02:15

Die komponierende Stadtfüchsin

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Rorschach im Ohr: Barbara Camenzind hört eine phrygische Tonart, wenn sie den Hafenkran betrachtet. Sie komponiert Musik zu Rorschacher Gebäuden und Landschaften. (Bild: Bild: Lea Müller)

Die Rorschacher Sängerin Barbara Camenzind hört Klänge, wenn sie Landschaften und Gebäude sieht. Jetzt wandert sie auf den Spuren des ersten Schatzsuchers Richard Lehner und komponiert Musik zu den Schätzen der Hafenstadt.

Lea Müller

Rorschach. Das Kornhaus klingt in F-Dur, Töne in D-Dur umgeben die ehemalige Stickerei Feldmühle und die Bahnschranken erzeugen ein etwas zu tiefes B. Sängerin Barbara Camenzind ist Synästhetikerin. Sie kann Geräusche nicht nur hören, sondern auch Farben und Formen dazu sehen. Seit sie diese Fähigkeit einsetzt, kann sie sie auch bewusst umkehren: «Bilder von Gebäuden und Landschaften erzeugen in meinem Inneren Musik.»

«Hassliebe» zu Rorschach

Schon als Kind entdeckte die in Rorschacherberg aufgewachsene Sängerin, dass sie Landschaften mit inneren Klängen verbinden kann. Nach dem Lehrerseminar besuchte sie die Opernschule in Innsbruck. «Aus Heimweh nach dem Bodensee begann ich zu komponieren», erinnert sich Barbara Camenzind, die sich heute als «komponierende Sängerin» bezeichnet. Zusätzlich studierte sie in Innsbruck Komposition.

Vor zwei Jahren kehrte Barbara Camenzind nach Rorschach zurück. Zusammen mit ihrem Mann übernahm sie den Reithof der Eltern in Grub AR. Das Singen hatte sie aufgrund einer Erkrankung fast aufgegeben. Erst nach der Geburt ihrer heute einjährigen Tochter Hannah fand sie wieder zu ihrer Stimme. «Ich habe noch nie so viel gesungen wie heute», freut sie sich. «Und ich habe wieder gelernt zuzuhören.»

Während der Schwangerschaft habe sie sich intensiv mit der Hafenstadt auseinandergesetzt, zu der sie lange Zeit eine «Hassliebe» gepflegt habe. «Rorschach ist leicht kaputt, aber voller verborgener Schätze», sagt die 36-Jährige. Als sie von Mark Riklins «Schatzsucher» hörte, verstand sie seine Idee als Botschaft. «Das Projekt war für mich eine Art Versöhnung mit Rorschach», sagt Barbara Camenzind. «Man muss der Stadt mit solchen Geschichten eine Liebeserklärung machen.

» Deshalb dachte sie sich kurzerhand eine Figur für ihre eigene Geschichte aus: «Ich komme mir vor wie eine Füchsin, die sich in der Stadt eine eigene Parallelwelt schafft.» Sie sei dem ersten Schatzsucher Richard Lehner «im Windschatten nachgeschlichen», habe Streifzüge durch Rorschach gemacht und einige seiner entdeckten Schätze besichtigt. Dabei hatte sie immer Klänge im Ohr, die sie sofort notierte.

Mit Stimmgabel und Notizbuch

Aus den Grundgerüsten der Töne entstanden Melodien und Lieder. Ein Beispiel ist der Schatz Nummer 61, der Hafenkran: «Ich höre ganz deutlich eine phrygische Tonart», sagt sie. Diese Halbtonschritte hätten einen leicht sperrigen Charakter. Als Text wählte sie eine mittelalterliche Geschichte. So entstehen nach und nach verschiedene Klanglandschaften. «Ich schreibe keine Popsongs für Rorschach», betont Barbara Camenzind. Momentan komponiert sie gerade ein Lied für den Jakobsbrunnen.

Barbara Camenzind ist oft zu Fuss oder mit dem Fahrrad unterwegs. Mit dabei ist immer ihr rotes Notizbuch und eine Stimmgabel als musikalischer Kompass. Wenn sie dann vor dem Schatz sitzt, schaut sie sich um und «plötzlich sind die Töne da». Nur im Kloster Mariaberg höre sie nichts. «Die absolute Stille kann ich mir nur dadurch erklären, dass ich jahrelang dort zur Schule ging und mich unbewusst nicht ablenken wollte», sagt sie.

Barbara Camenzind, Forscherin für musikalische Topografie und Geschichten, ist ein wenig menschenscheu – genau wie eine Stadtfüchsin. Nicht einmal Richard Lehner weiss von seiner «Kulturfolgerin». Dennoch sind die Menschen sehr zentral für Barbara Camenzinds Arbeit. «Ich muss meine Musik in Beziehung zu anderen setzen.»

Hausbesuche sind möglich

Barbara Camenzind möchte nicht mehr nur für sich selbst komponieren. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, wird sie die Musik weiter bearbeiten und mit anderen Musikern aufnehmen. Bei ihrem Projekt orientiert sie sich an den 147 Schätzen von Richard Lehner – dazu kommen jene, die sie selber entdeckt.

Rorschacher, die eine persönliche Klanglandschaft von ihrem Haus möchten, besucht Barbara Camenzind auch zu Hause und schenkt ihnen danach eine Aufnahme oder ein Notenbild. Interessierte können sich direkt bei der Sängerin melden: barbara_ca menzind@bluewin.ch.





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