Tagblatt Online, 30. Oktober 2008 01:00:25
Die Ohren der Stadt
Geschichtenrettung im Hafen-Beizli: Stimmungsbild von «Hoffotograf» Werner Seiler, der «Stadt als Bühne» seit Kapitel 2 begleitet. (Bild: Bild: FHS)
An den Stammtischen denken Bürger laut nach über Gegenwart und Zukunft ihrer Stadt, und die Wirte hören zu. Studierende der FHS haben bei zwölf Wirten nachgefragt. Eine Nachlese.
rorschach. Hafen-Beizli, kurz nach 14 Uhr. Die Vorhänge sind gezogen wie in einem privaten Wohnzimmer. Hier haben sich Fred der Teufel, die Wirtin Esther Brehm, Hotelier Kurt-René Glanzmann und Stammgäste um einen Laptop versammelt, um auf «Stammtisch-Gepolter», das siebte Kapitel der Reihe «Stadt als Bühne», zurückzublicken: Mit Fotos von Werner Seiler sowie einem Film von Marco Hess und Thomas Bartlome (video-artwork), welche die Rorschacher Interventionen bereits zum viertenmal dokumentiert haben.
Privatsache
Knapp fünfzig Studierende haben vergangene Woche erste Antworten auf die 101 «Fragen an eine Stadt» gesucht, die vor einem halben Jahr auf dem Rorschacher Marktplatz gesammelt wurden. Und dies an klassischen Orten der Produktion und Reproduktion informeller Geschichten: an den Stammtischen, wie beispielsweise im «Signal». «Maija Rakic muss weder Zeitung lesen noch Radio hören, ihr persönliches Radio ist der Kontakt mit ihren Gästen», sagt Manuela Breu, angehende Sozialpädagogin aus Romanshorn, im Filminterview. Manch einem Wirt geht es wohl nicht anders, was aber nicht heisst, dass die «Ohren der Stadt» Gehörtes 1:1 wiedergeben: «Was ich höre, geht da rein und da raus», sagt ein Wirt auf seine Ohren verweisend, die Geschichten seiner Gäste sollen Privatsache bleiben.
Wehmut und Aufbruch
Trotzdem ergaben sich in den zwölf Interviews mit Rorschacher Wirten die erhofften ersten Antworten auf «Fragen an eine Stadt». Brigitta Massimiano («Alla Casalinga») hatte gar zehn Fragen schriftlich beantwortet, um sich auf das Gespräch vorzubereiten. Etwas wehmütig sagt sie, die heitere Eleganz früherer Jahre sei Rorschach abhanden gekommen, stattdessen habe sich eine bedrückte Stimmung breitgemacht.
Was an den Stammtischen der Stadt diskutiert werde, fragen die Studierenden. An Mägis Stammtisch im «Toggenburg» sei die Meinung vorherrschend, Rorschach mache mehr für seine Touristen als für seine Bewohner. Als mögliche Ursache nennt Wirtin Margrit Bischof, «dass die Stadtangestellten heute nicht mehr alle vor Ort wohnen». Die Beziehung zu den Menschen sei dadurch möglicherweise verlorengegangen.
Trotz aller Alltagssorgen seien ihre Gäste stolz auf Rorschach, sagt Susanne Riederer, Wirtin im «Goldenen Fass». Badhütte, gute Infrastrukturen, Vorzeigestadt in Sachen Ausländerintegration: Die Aufbruchstimmung sei spürbar, die Segel mit Optimismus gefüllt.
Ideenproduzenten
Seine Gäste seien gute Ideenproduzenten, was in Rorschach noch geändert werden könnte, sagt Kurt Schnider vom Café Elite. Auch in den anderen Kneipen mangelt es nicht an Ratschlägen und Wünschen: im Winter eine Schneebar am See oder eine Eisbahn auf dem Marktplatz, im Sommer ein Open Air. Die Renovation alter Gebäude. Die Beseitigung der morgendlichen Abfall-Landschaft. Die Nutzung leerstehender Industriegebäude für kulturelle Angebote. Der Umbau des Hotel Anker. Ein Spunten auf dem See. Eine U-Bahn. Marktplatzkonzerte, ein Gaukler-Festival usw.
Durch die Umgestaltung der Seeufer-Anlage solle Erholung und Entspannung zum neuen Markenzeichen werden, sagt Helmut Stocker («Marktplätzli»): «Die Zeichen sind gesetzt, jetzt braucht es nur noch etwas Geduld.»
Spuren
Das Kapitel «Stammtisch-Gepolter» habe Spuren hinterlassen, sagt Hotelier Kurt-René Glanzmann: «Seit den Gesprächen mit Studierenden sehe ich meine Gäste ganz anders; ich versuche, mich vermehrt in deren Welt zu versetzen.» Auch bei den Studierenden scheint die Auseinandersetzung mit der Rorschacher Kneipenvielfalt von nachhaltiger Wirkung: «Ich nehme mit, dass Rorschach mehr ist als nur eine Stadt mit Nebel und viel Verkehr, sondern eine Stadt mit Visionen, wo Leute wohnen, die Ideen haben», sagt Carina Peter, angehende Sozialpädagogin aus Winterthur. Der direkte Kontakt mit Wirten und Stammgästen lässt den Studienort mit neuen Augen sehen: Könnte der «Hirschen» zur Studierenden-Kneipe werden? Wann endlich das erste Mal im «Mariaberg» Gast sein? Und wieso nicht das Angebot annehmen, im «Goldenen Fass» selber zu kochen oder im Hafen-Beizli hinter dem Tresen einen Abend zu schmeissen? (mr)
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