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Tagblatt Online, 18. Oktober 2008 01:05:36

Die Kneipe als Bühne

Seit Anfang Oktober hängen an rund 70 Klotüren der Stadt Rorschach 101 «Fragen an eine Stadt». Am kommenden Dienstag machen sich Studierende der FHS St. Gallen auf den Weg, erste Antworten zu finden.

Zoom

Der Stammtisch als Bühne für die Aufführung informeller Geschichten und Stücke, die das Alltagsleben schreibt. Jeder Gast spielt seinen Part in einem Stück, in dem der Wirt Zeuge, Beobachter, Teilnehmer oder Hauptprotagonist sein kann.

rorschach. Antworten erhoffen sich Studierende der FHS St. Gallen, Hochschule für Angewandte Wissenschaften, zum Beispiel auf Frage 40, was an den Stammtischen der Stadt diskutiert wird. Ein Prolog in vier Glockenschlägen: Hafen-Beizli, kurz nach 15 Uhr, die Ruhe vor dem Sturm. Wenig später schwemmt die Brandung gegen fünfzig Studierende Sozialer Arbeit in die Kneipe seemännischer Prägung: Schiffsglocke, Seekarten, Flaschenpost und geparkte Musikinstrumente sorgen für eine Atmosphäre der ganz besonderen Art. Diesen stimmungsvollen Ort haben sich die Dozierenden Selina Ingold und Mark Riklin ausgesucht, um mit einem Prolog ins siebte Kapitel der Interventionen in Rorschachs Stadtkörper einzustimmen. Ein Ambiente, das die Studierenden zum Mitmachen animiert: sei es als Personal im Service oder hinter dem Tresen, sei es als Würfel- oder Gitarrenspieler.

Sozialauftrag

Glockenschlag 1: Auftritt Esther Brehm, Wirtin. «Bei uns legt jede/r an!», heisst es auf der Visitenkarte in seemännischer Manier. Und verspricht das, was Esther Brehm seit eineinhalb Jahren zu pflegen versucht: eine gute Durchmischung der Gäste. Ihre Arbeit als Wirtin verstehe sie als Sozialauftrag, sagt Esther Brehm, während ein hausgemachter Seemanns-Kaffee der gröberen Sorte für die ersten roten Ohren sorgt. Kneipen seien eine Art öffentliche Stuben, ein verlängertes Wohnzimmer, wo alle Platz haben sollen. Sobald ein Gast seinen Fuss auf die «Bühne» setzt, wird er von der passionierten Wirtin wahrgenommen. «In den ersten drei Sekunden versuche ich meine Gäste abzuholen», sagt Brehm, schnell merke sie, ob jemand Gesellschaft suche oder lieber allein sein wolle.

Glockenschlag 2: Auftritt Fred der Teufel, Stammgast. Auf der Suche nach einem Insider der Kneipenlandschaft Rorschachs stiessen Mark Riklin und Selina Ingold auf das Stadtoriginal Fred der Teufel, der sich «Beizologe» nennt. Zu Recht, kennt er doch alle 101 in Rorschach registrierten Kneipen aus eigener Anschauung, bis auf eine einzige Ausnahme: Den «Rebstock» habe er noch nie in offenem Zustand angetroffen. Aus dem Stegreif ist Fred der Teufel in der Lage, eine kleine Kneipen-Typologie aufzustellen und zu benennen, wo sich die Gesellschaft trifft, wo die Randständigen und wo die Prominenz, die «Mafia», wie Fred sie nennt. Am Tresen des Hafen-Beizli lüftet er so manch ein Geheimnis: wie er zu seinem Künstlernamen kam oder was es auf sich hat, dass er seit über 30 Jahren im American Look als eine Art «Buffalo Bill» durch die Strassen Rorschachs läuft.

Glockenschlag 3: Auftritt Kurt-René Glanzmann, Hotelier. Durch einen Seiteneingang betritt ein sichtlich verblüffter Gast die Bühne, mitten hinein ins Geschehen: «Mein Gott, so voll habe ich es hier noch nie gesehen», sagt Kurt-René Glanzmann, der neue Inhaber des Seehotels Rorschacherhof. Vor einem halben Jahr hat der ehemalige Generaldirektor aller Fachschulen im Bereich Einzelhandel die Etagen oberhalb des Hafen-Beizli übernommen, um als Pensionär nochmals ganz neu zu beginnen und das Hotelmetier als «Lehrling» von Grund auf zu erlernen. Nebenbei hofft der preisgekrönte Autor, auch noch etwas Zeit zum Schreiben zu haben, die nächste Kurzgeschichte soll in einer Kneipe spielen.

Informelle Geschichten

Glockenschlag 4: Ausklang und Abgang der Gäste. Langsam neigt sich der Prolog dem Ende entgegen, Selina Ingold und Mark Riklin deuten den Stammtisch abschliessend als «klassische Orte der Produktion und Reproduktion informeller Geschichten sowie der Herstellung lokaler Identität». Hier laufen die Geschichten zusammen wie an keinem anderen Ort der Stadt; hier kann in Erfahrung gebracht werden, was die Bürger einer Stadt bewegt. Diese Hypothesen zu überprüfen, ist den Studierenden aufgetragen, wenn sie am Dienstag im Rahmen der Intervention «Stammtisch-Gepolter», der zweiten Folge in der Reihe «Stadt als Gespräch», vierzehn Wirtinnen und Wirte Rorschachs aufsuchen, die Ohren dieser Stadt. (pd)





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