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Tagblatt Online, 28. Oktober 2010 01:03:13

Der Fuss als rechte Hand

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Christian Lohr beim öffentlichen Talk in der Fachhochschule: «Ich bin nicht trotz, sondern mit der Behinderung glücklich.» (Bild: Bild: Rudolf Hirtl)

Der Journalist und Politiker Christian Lohr bezeichnet seine Behinderung als Privileg. In einem Talk diskutierte er mit Studierenden der Fachhochschule St. Gallen über die Öffentlichkeitsarbeit für Menschen mit einer Behinderung.

Lea Müller

Rorschach. Wenn der Journalist und Politiker Christian Lohr spricht, gestikuliert er mit seinem rechten Fuss. Er klopft auf die Sitzfläche seines Rollstuhls, um seine Worte zu unterstreichen. Christian Lohr hat keine Arme und zwei verkürzte Füsse. Mit seinem rechten Fuss kann er aber fast alles machen, wofür andere Menschen ihre Hände gebrauchen.

Denkanstösse für Studierende

In einem Talk in der FHS-Cafeteria in Rorschach diskutierte Christian Lohr mit Studierenden des Fachbereichs Soziale Arbeit. Im Rahmen eines Medienseminars von Mark Riklin und Selina Ingold sprachen die Teilnehmenden über die Öffentlichkeitsarbeit für Menschen mit einer Behinderung. Wie lässt sich eine Öffentlichkeit herstellen, mit der auch die Betroffenen einverstanden sind? Christian Lohr aus Kreuzlingen konnte den Studierenden wichtige Denkanstösse geben:

Als Journalist und Politiker arbeitet er in der Öffentlichkeit und als Betroffener setzt er sich für Menschen mit einer Behinderung ein.

Christian Lohr kam vor 48 Jahren mit einer schweren Behinderung zur Welt: Seiner Mutter wurde während der Schwangerschaft das Medikament Contergan verschrieben, das bei ihm unglücklicherweise zu den Missbildungen führte.

Christian Lohr wuchs in einem Umfeld auf, das ihm dabei half, mit der Behinderung möglichst optimal zu leben und seine Fähigkeiten einzusetzen. Er konnte die Regelschule besuchen und studierte später an der Universität in Konstanz.

Mit 14 Jahren Sportreporter

Bereits mit sechs Jahren hatte er einen Traum, der ihn nicht mehr losliess: «Ich wollte unbedingt Sportreporter werden», erzählt er. «Meine Eltern redeten mir den Wunsch zum Glück nicht aus, sondern unterstützten mich.

» So verfasste Christian Lohr schon mit 14 Jahren seinen ersten Bericht über einen Handballmatch auf der Schreibmaschine. Tags darauf erschien der Sportbericht in der Zeitung.

Beruflich ist Christian Lohr seither als freier Journalist für verschiedene Medien tätig. Die technischen Entwicklungen kommen ihm dabei sehr entgegen: «Die verbesserte Mobilität erlaubt mir heute, innerhalb derselben Zeit eine gleichwertige Arbeit zu leisten wie andere Journalisten.» Er ist viel unterwegs, hat sein iPhone, Notizblock und Schreibzeug immer mit dabei.

«Ich gehe bei der Arbeit genau gleich vor wie andere Journalisten», sagt er. «Nur dass ich meine Notizen eben nicht von Hand, sondern mit dem Fuss schreibe.» Dass er sich nicht gleich schnell fortbewegen könne wie seine Berufskollegen, habe einen entscheidenden Vorteil: «Ich habe gelernt zuzuhören.»

Träume erfordern Geduld

Am Anfang seiner journalistischen Karriere im Sekundarschulalter stand ein Traum, der zuerst unrealistisch schien. Doch Christian Lohr hat ihn wahr gemacht. «Es ist wichtig, dass Menschen mit einem Handicap Träume haben dürfen und sich diese auch erfüllen können», betont er. Wichtig sei, an seine Träume zu glauben und sich nicht beirren zu lassen. «Aber», wendet er ein, «man muss viel Geduld haben.»

Damit Menschen mit einer Behinderung ihre Ziele erreichen können, ist ein sensibilisiertes Bewusstsein der Gesellschaft nötig. «Ich hatte das Glück, dass ich sehr gut integriert wurde», sagt Christian Lohr. Nun setzt sich der Politiker auch für andere «Menschen mit Besonderheiten» ein. Die Integration muss seiner Meinung nach bereits im Kindesalter erfolgen: Die Schulen hätten dabei eine wichtige Aufgabe.

Bezüglich Öffentlichkeitsarbeit gab er den Studierenden einige Tips mit auf den Weg: Integration und Normalität seien die Schlüsselworte. Menschen mit einer Behinderung dürften sich in der Öffentlichkeit nicht ausgestellt fühlen. Die Medienarbeit müsse deshalb auf gleicher Augenhöhe stattfinden. Das heisst: «Die Betroffenen sollten in jedem Fall eine Stimme erhalten.»

Christian Lohr ist berufstätig, lebt in einer Partnerschaft und schwimmt in seiner Freizeit. Er fühlt sich in die Gesellschaft integriert, geht selbständig durch das Leben. Aber er ist dennoch auf ein Netzwerk von Mitmenschen angewiesen. «In vielen Situationen brauche ich Hilfe, da mache ich mir nichts vor», sagt der 48-Jährige. Seinen Alltag müsse er deshalb gut organisieren.

Mit der Behinderung glücklich

«Ich bin nicht benachteiligt. Die Behinderung ist ein Privileg», sagt Christian Lohr. Er habe dadurch seine Stärken entwickelt und gelernt, das Leben zu geniessen. Diese Botschaft will er anderen Menschen weitergeben. «Ich bin nicht trotz, sondern mit der Behinderung glücklich.»





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