Tagblatt Online, 05. Dezember 2009 01:05:24
Das Amt im Glockenhaus
Alois Ambauen sucht weitere Glöckner für den Jakobsbrunnen. (Bild: Bild: Lea Müller)
Die katholische Kirchgemeinde erklärt sich mit der Idee von Mark Riklin einverstanden, das Glockengeläute beim Jakobsbrunnen wieder manuell erklingen zu lassen. Noch fehlen aber weitere Glöckner aus der Bevölkerung.
Lea Müller
Rorschach. Zweimal am Tag, pünktlich um 11 und 18 Uhr, läutet die Glocke beim Jakobsbrunnen. Exakt zwei Minuten lang schwingt der Klangkörper im gleichmässigen Rhythmus hin und her – ein digitalisierter Motor im Glockenhaus sorgt für akribische Genauigkeit.
Das soll sich bald ändern: Initiator Mark Riklin von der Fachhochschule St. Gallen und der «Glöckner» Alois Ambauen wollen die im Rahmen der Aktion «Stadt als Bühne» propagierte Idee umsetzen: Die Glocke wird de-automatisiert und wie in früheren Zeiten von Hand betrieben.
«Wenn der Mensch in der digitalisierten Welt die Maschine ablöst, entsteht eine neuartige Sinnlichkeit», schwärmt Mark Riklin.
Manuell bedient im Pilgerjahr
Dass die Umsetzung seiner Idee so schnell möglich wird, hätte Mark Riklin nicht gedacht: Die katholische Kirchgemeinde, Eigentümerin des Jakobsbrunnens und der Glocke, ist einverstanden mit der Wiederherstellung des manuellen Glockengeläutes – zumindest während des Pilgerjahres von April bis Oktober 2010.
«Glöckner» Alois Ambauen, der den Jakobsbrunnen seit 15 Jahren im Nebenamt verwaltet, besprach die Idee mit Pfarreileiter Patrick Büchel und konnte ihn überzeugen. «Die von Hand betriebene Glocke beim Jakobsbrunnen ist eine weitere Attraktion in der aufblühenden Stadt Rorschach», sagt Alois Ambauen. «Die Aktion ist sowohl für die Bevölkerung als auch für Pilger auf dem Jakobsweg interessant.» Auf der Homepage des Schweizerischen Jakobsweges würden Ortschaften mit besonderen Attraktionen genannt, weiss Alois Ambauen.
Mit der Zeremonie des Glockengeläutes am Morgen und Abend habe Rorschach als Startpunkt des Schweizer Weges gute Chancen, dort aufgeführt zu werden. Im Pilgerjahr 2010 erwarte man in der Schweiz etwa einen Drittel mehr Pilger als sonst, so Alois Ambauen. Der Projektleiter der Technischen Betriebe von Rorschach hat selber schon Erfahrungen als Pilger gesammelt: Im Sommer gingen er und seine Frau Fides von Rorschach aus rund 450 Kilometer zu Fuss nach Genf. «Ein eindrückliches Erlebnis», sagt er rückblickend.
Von Menschenhand erzeugtes Glockengeläute während des Pilgerjahres – Alois Ambauen ist begeistert: «Ich war von Anfang an Feuer und Flamme. Es ist der Sinn für die Details im Alltag, der das Leben spannend macht», sagt er. Die Bedienung der Glocke von Hand sei kein Rückschritt – im Gegenteil. «Diese Aktion kann in einer Stadt sehr viel bewegen. Manche Menschen finden in dieser Aufgabe für die Öffentlichkeit vielleicht einen neuen Lebensinhalt.
» Er denke dabei zum Beispiel an Pensionäre, die sich das Glockenläuten in ihrem persönlichen Tagesablauf einplanen.
Siebenköpfiges Team
Im April dürfen sich die Glöckner von Rorschach also ans neue Handwerk machen: Neben Alois Ambauen und seiner Frau Fides Ambauen erklärte sich auch der Rorschacher Künstler Bruno Hiestand bereit, in regelmässigen Abständen das Ehrenamt des Glöckners von Rorschach zu bekleiden.
Doch noch ist das Team entschieden zu klein, wie Alois Ambauen betont. «Damit das Glockengeläute jeden Tag zuverlässig erklingt, müssen wir mindestens sieben Leute sein», sagt er. Er selbst könne beispielsweise nur das Läuten am Abend um 18 Uhr übernehmen, da er berufstätig sei. Auch für Ferienvertretung müsse gesorgt sein. Ideal für das Amt im Glockenhaus seien Pensionärinnen oder Pensionäre, die Zeit hätten und flexibel seien.
Pünktlichkeit ist Voraussetzung
Welche weiteren Anforderungen setzt das Stellenprofil des Glöckners noch voraus? Alois Ambauen schmunzelt: «Als Glöckner sollte man einigermassen pünktlich sein.» Das Läuten sei körperlich nicht sehr anstrengend. Bis der Rhythmus des Glockenschlags stimme, brauche es allerdings etwas Übung. «Man darf aber hören und sehen, dass ein Mensch hinter dem Glockengeläute steckt», betont Ambauen. Ob die Initianten Riklin und Ambauen genug Freiwillige finden, steht noch in den Sternen. Allenfalls müsste man sich auf das Abendläuten um 18 Uhr beschränken, meint Mark Riklin. «Entscheidend ist jedoch, dass es wieder Glöckner gibt in Rorschach.»
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