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Tagblatt Online, 06. August 2009 01:00:56

Da helfen weder Mozart noch Beethoven

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Inspirierende Kulisse: Die Musiker können die herrliche Aussicht geniessen, die schwimmenden Zuhörer das kühle Nass. (Bild: Bild: Corina Tobler)

RORSCHACH. Das Floss bei der Badhütte mit dem schwarzen Flügel und (bei schönem Wetter) dem leuchtend hellgrünen Sonnenschirm ist ein Blickfang. Doch die meisten Passanten an der Promenade belassen es bei einem erstaunten Blick und einem amüsierten bis lobenden Kommentar. Die Bootsführer, Pedalofahrer und Schwimmer wagen sich näher heran und lauschen am Floss der Musik.

* * *

Wer aber ganz genau hinsehen und das echte «Wasser-Flügel-Gefühl» erleben will, der hat nur eine Möglichkeit: den Selbstversuch. Dafür bringe ich als begeisterte Hobbypianistin, in deren Leben seit elf Jahren kaum ein Tag verstrichen ist, ohne dass sie vor den schwarz-weissen Tasten gesessen hat, eigentlich gute Voraussetzungen mit. Und bei strahlendem Sonnenschein auf dem Bodensee Klavier zu spielen hat durchaus seinen Reiz.

Der Haken ist nur: Rutishauser will auf dem Floss partout weder Beethoven noch Mozart oder auch nur Elton John hören. «Hier wird nur improvisiert», macht er klar, noch bevor wir überhaupt ins Ruderboot steigen. Bevor es aber ans Improvisieren geht, muss ich mich dann erst an die Unterlage gewöhnen, auf der der Flügel steht beziehungsweise schwankt.

Sobald das Instrument und ich im gleichen Rhythmus schwanken, werde ich von Rutishauser ins kalte musikalische Wasser geworfen. Vierhändig sollen wir einfach mal loslegen – natürlich ohne irgendwelche Absprachen. Die Aussicht darauf, dass gleich zwanzig Finger potenziell zwanzig verschiedene Töne spielen, ohne dass die linken Hände wissen, was die rechten tun, löst bei mir Skepsis und vor allem Mitleid für die unfreiwilligen Zuhörer im, auf und am Wasser aus.

* * *

Rutishauser beantwortet meine Zweifel mit seiner einzigen Improvisationsregel «Kein Ton ist falsch» und beginnt zu spielen. Ohne System und vor allem ohne harmonische Grundlage, womit er mir den ohnehin schon wackligen Boden unter den Füssen wegzieht. Ich komme mir wie eine blutige Anfängerin vor. Meine Kenntnisse in klassischer Musik sind nutzlos geworden, nicht einmal eine Etüde, sonst die Lösung jedes Klavierproblems, hilft weiter.

Kurz: Ich habe keine Ahnung, welche der mir sonst so vertrauten 88 Tasten ich nun drücken soll, um etwas Passendes zu spielen – was auch immer das ist. Mit der Zeit finde ich aber immer besser in die Musik. Je weniger ich überlege, was ich spiele, desto besser klingt es. Das Hirn im Leerlauf und die Augen auf die Umgebung fixiert, geht das so weit, dass ich sogar plötzlich in einen Blues verfalle, für mich völlig ungewohntes Terrain. Da beginnt das Ganze Spass zu machen, und einige Schwimmer wagen sich sogar näher an den Wasser-Flügel heran, um das Ende meiner ersten Improvisation auf dem Wasser anzuhören.

* * *

Auf die bin ich dann trotz der Anlaufschwierigkeiten doch ein bisschen stolz. Schliesslich habe ich, wieder sicher an Land und vor Roman Rutishausers Gästebuch abgesetzt, drei Dinge gelernt. Erstens: Improvisieren ist wie das Leben, Umwege machen es spannend. Zweitens: Wenn du die Übersicht über die Umwege verlierst, hör einfach auf zu denken. Und drittens: Von sich sagen zu können, einmal auf dem Bodensee Klavier gespielt zu haben, ist ein tolles Gefühl.

Corina Tobler

Zweimal hingeschaut Im Alltag fehlt oft die Zeit, die Umgebung mit mehr als einem flüchtigen Blick zu würdigen. Die Redaktion nimmt diesen Sommer in loser Folge Plätze in der Region unter die Lupe. Ob eine Stunde in einer Begegnungszone oder eine Sekunde irgendwo in der Natur: Auf den zweiten Blick kann man Überraschendes entdecken.




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