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Tagblatt Online, 25. Mai 2010 08:00:00

Begegnung mit einem Jakobsglöckner

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Glöckner Innozenz Braun unterhält sich mit zwei Pilgern, die wegen des manuellen Glockengeläutes nach Rorschach gekommen sind. (Bild: Bilder: Lea Müller)

RORSCHACH. Innozenz Braun ist einer der Glöckner von «Notre Jacques», wie manche Rorschacher mit einem humorvollen Augenzwinkern sagen. Der Pensionär aus Rorschacherberg führt sein Amt mit viel Herzblut aus. Und er ist pünktlich.

Innozenz Braun ist einer der Glöckner von «Notre Jacques», wie manche Rorschacher mit einem humorvollen Augenzwinkern sagen. Der Pensionär aus Rorschacherberg führt sein Amt mit viel Herzblut aus. Und er ist pünktlich. Zehn Minuten vor seinem Einsatz tritt er über die Türschwelle des Restaurants Rössli an der Hauptstrasse. Geschäftsführer Franco Gaglio grüsst ihn freundlich. Er kennt mittlerweile alle Glöcknerinnen und Glöckner persönlich. Der Wirt ist ein Komplize der Glöckner geworden: Er bewahrt ihre Requisiten in seinem Restaurant auf.

Innozenz Braun tauscht seine Jacke gegen den grossen schwarzen Mantel, setzt den breitkrempigen Hut auf und nimmt den Schlüssel für den Jakobsbrunnen aus dem Versteck.

* * *

Auf dem Weg der Hauptstrasse entlang Richtung Jakobsbrunnen zieht Innozenz Braun alle Blicke auf sich. Manche Passanten schauen neugierig, andere skeptisch. Die Autos fahren langsamer und die Fahrer drehen ihre Köpfe nach dem Glöckner um. Ein Bekannter von Innozenz Braun hält vor dem Zebrastreifen und winkt ihm vergnügt zu.

«Als ich im Tagblatt vom Glöckner-Team las, fühlte ich mich sofort angesprochen», erzählt Innozenz Braun. «Ich finde die Idee gut und so kann ich etwas für die Allgemeinheit tun.» Nach kurzem Zögern habe er sich bei Alois Ambauen gemeldet. Kostete es Innozenz Braun anfangs keine Überwindung, sich als Glöckner zu verkleiden und in aller Öffentlichkeit die Glocke von Hand zu läuten? «Überhaupt nicht», sagt er eifrig. «Ich bin offen für Neues.»

Der 71jährige Pensionär kommt ursprünglich aus Deutschland und lebt seit 51 Jahren in Rorschacherberg. Viele Passanten bleiben vor dem Jakobsbrunnen stehen, als er pünktlich um 11 Uhr am Glockenstrick zieht. Ein ehemaliger Arbeitskollege – Innozenz Braun arbeitete 30 Jahre lang für Frisco Findus – schaut neugierig ins Innere des Glockenhauses und hält den Daumen hoch. «Was du da machst, finde ich eine gute Sache», ruft er dem Glöckner zu. Dieser erledigt seine Aufgabe hochkonzentriert.

Mit dem manuellen Geläute hat Innozenz Braun Erfahrung: «In jungen Jahren hatte ich als Messdiener auch diese Aufgabe», erinnert er sich lachend.

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Plötzlich stehen zwei Jakobspilger mit Wanderschuhen, Hut und Sonnenbrille vor Innozenz Braun. Sie bitten den Glöckner um ein gemeinsames Foto. Ein Gespräch entsteht.

Franz Zäch aus Abtwil und sein Freund Juan-Marcos Latorre aus Barcelona wollen den Startpunkt des Schweizer Jakobsweges sehen und das erste Wegstück bis nach St. Gallen gehen. Von den Rorschacher Jakobsglöcknern haben sie gehört. «Eine vorbildliche Idee», sagt Franz Zäch. «Man müsste noch mehr solcher Traditionen wieder aufleben lassen.» Sein Freund aus Spanien möchte im nächsten Jahr von Rorschach bis nach Santiago di Compostela pilgern.

«Dass wir heute einen Jakobsglöckner getroffen haben, ist ein spezielles Erlebnis für mich», sagt Juan-Marcos Latorre.

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Die drei philosophieren über das Pilgern, die schnelllebige Welt und verlorene Traditionen. «Ich unterhalte mich gerne mit den Leuten und gebe Auskunft», sagt Innozenz Braun. Bevor er sich wieder auf den Weg macht, erklärt er den beiden Pilgern, wo die Strecke durch Rorschach führt und gibt ihnen einen Informationsblatt zum Jakobsbrunnen.

Dann schliesst Innozenz Braun das Glockenhaus sorgfältig ab und schreitet bedächtig zurück ins Restaurant Rössli.

* * *

Wenn Mantel, Hut und Schlüssel wieder an ihrem Platz sind, trinkt Innozenz oft noch einen Kaffee bei Franco Gaglio. «Wir wollen etwas für Rorschach tun», begründet der Wirt seine Bereitschaft, mit den Glöcknern zusammenzuarbeiten. Die Aktion wirkt sich ausserdem positiv auf sein Geschäft aus: «Wir haben spürbar mehr Gäste», sagt er. «Vor allem Pilger kommen häufiger.

» Beim Abschied fragt Franco Gaglio die Glöckner immer, wann sie das nächste Mal Dienst hätten. Innozenz Braun hat seinen Einsatzplan genau im Kopf: «Wir sehen uns am 26. Mai wieder», sagt er und winkt zum Abschied. Lea Müller





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