Tagblatt Online, 11. September 2010 01:03:07
«Hübsch ist Rorschach nicht»
Ludwig Hasler: «Rorschach schmeckt eher nach Arbeitstugend als nach urbaner Eleganz.» (Bild: Bild: zVg)
Im neuen Buch «Des Pudels Fell. Neue Verführung zum Denken» von Ludwig Hasler spielt auch Rorschach eine Rolle. Der Autor und Philosoph spricht im Interview über schwarze Schafe und verrät, warum Rorschach ein städtisches Dorf ist.
Ludwig Hasler, Rorschach war für Sie jahrelang eine imaginäre SBB-Bahnstation, bevor Sie ein Freund in den Charme der Stadt einführte. Was macht den Charme von Rorschach aus?
Ludwig Hasler: Rorschachs Charme? Auf den ersten Blick ein doppelter: zunächst geographisch – eingebettet in die Landschaft zwischen Berg und See; sodann geschichtlich – industriell gewachsen, beinahe heruntergekommen, jetzt rappelt es sich auf. Charme lebt von Geschichten, gebauten Erzählungen, nicht von der Hübschheit der Erscheinung.
Das Hübsche, Nette, Adrette langweilt schnell. Rorschach ist nicht wirklich hübsch. Dafür erzählt es Geschichten.
Wie kommt es, dass Sie für das Buch «Stadt als Bühne» einen Essay geschrieben haben?
Hasler: Muss ich alle meine privaten Beziehungen offen legen? Im Ernst: Mich interessiert seit langem, wie Menschen sich auf verschiedenen Lebensbühnen bewegen, verändern, in Städten, Dörfern. Gelegentlich ziehen mich Stadtplaner für Referate bei. Es ist also mehr als Zufall, dass ich Mark Riklin mal über den Weg lief.
Er erzählte mir von seinen szenischen Eingriffen ins Rorschacher Stadtleben und bat mich, einen Beitrag fürs Buch zu schreiben.
Sie schreiben in Ihrem Essay, dass die Stadt die Menschen mache und nicht umgekehrt. Was für Menschen macht Rorschach?
Hasler: Rorschacher halt. Nicht Pariser, nicht Istanbulerinnen.
Rorschach schmeckt eher nach Arbeitstugend als nach urbaner Eleganz, aber das Arbeitsleben ist grosszügig eingebaut, in den Quartieren lässt sich frei atmen, die Bahngeleise markieren Weltverbindung, und zum See hin wird der Blick offen, je nach Witterung heiter oder melancholisch.
Sie vergleichen die Stadt mit einer Kulisse oder Tapete. Ist sie inspirierend, laufen die Menschen zur Hochform auf. Wirkt sie abgestumpft, rasten sie aus. Wie sieht denn die Rorschacher Tapete aus?
Hasler: Menschen entwickeln sich durch Anpassung an Aussenreize. Wer täglich über die Seepromenade geht, wird ein anderer Mensch als zum Beispiel ein Berner, der immer nur unter den Lauben durch läuft. Er muss dabei nicht einmal etwas denken. Wer täglich am Kornhaus vorbei- kommt, entwickelt ein anderes Verständnis von Handel und Wandel als einer, der in Wildhaus lebt.
Wer im nutzungsdurchmischten Quartier wohnt, sieht das Verhältnis Work/Life anders als einer, der nach der Arbeit in die Schlafsilos vor der Stadt abtaucht. Was so aus Rorschachern wird, darauf kann sich dann jeder selber einen Reim machen.
Sie schreiben, dass jede Stadt ein paar schwarze Schafe brauche, welche die Gemütlichkeit stören. Warum braucht es sie für eine städtische Lebensweise?
Hasler: Die Stadt ist ein Schmelztiegel, kultiviert den Unterschied, lebt von der Vielfalt der Menschentypen. Zieht die Tüchtigen an, die Zukunftslustigen, aber eben auch die, die von der Norm abweichen und im uniformen Dorf nicht geduldet werden. Sie mischen das Gros der Normalen auf. Eine Herde weisser Schafe macht noch keine Stadt. Stadtluft macht frei, heisst das Schlagwort. Gemütlich muss die Stadt nicht sein. Dafür ist das Dorf da.
Ist Rorschach eine Stadt oder ein Dorf?
Hasler: Beides. Ein städtisches Dorf sozusagen. Eher als eine dörfliche Stadt. Das Städtische merkt man daran: Wenn ich als Fremder durch Rorschach gehe, nimmt mich kein Einheimischer wahr. Dass es Unbekannte gibt, ist selbstverständlich. Dörfler mustern den Unbekannten.
Sie sagen, dass die Stadt zu öffentlichem Leben verführen müsse. Wie geht das?
Hasler: Die «Stadt der Sinne» zeigt, wie man das raffiniert anstellen kann. Verführen statt verordnen. Mode ist ja, dass man der Bevölkerung etwas bietet, etwas vorführt, ein Feuerwerk, ein Popkonzert, ein Strassenrennen, neuerdings sogar Skirennen in der Stadt, irgendeinen so genannten Event. Auch in Ordnung. Nur, dann ist die Bevölkerung staunendes Publikum. Die «Stadt als Bühne» spielt den Leuten nichts vor, sie verführt sie zur Tätigkeit, macht die Bevölkerung zum Akteur.
Nun liegt das Buch «Stadt als Bühne» nach einer ersten Lektüre in Ihren Händen. Wie beurteilen Sie das Werk?
Hasler: Ich kann nur sagen, wie es mir ging: Ich blätterte im Buch, hatte eigentlich keine Zeit – und kam nicht mehr los von ihm. Es wirkt ungemein anregend, so lebendig, auch lustig. Man denkt, Gott, es wäre gar nicht so schwer, eine Stadt zum Leben zu erwecken, warum machen die Leute das nicht überall?
Ist die Idee von «Stadt als Bühne» grundsätzlich auf andere Städte übertragbar?
Hasler: Was «Stadt als Bühne» in Rorschach inszenierte, lässt sich ohne unzumutbare Phantasie auch anderswo aufziehen. Das Buch taugt prächtig als undogmatisches Lehrbuch zur Belebung jeder Stadt. Es gehört in die Hand nicht nur jedes Stadtplaners, sondern überhaupt all der Leute, die sich für die Lebendigkeit ihrer Stadt interessieren, genauer: für eine Lebendigkeit, die nicht obrigkeitlich organisiert wird, sondern durch die Bewohner selbst.
Interview: Lea Müller
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