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Tagblatt Online, 13. August 2011 01:03:25

«Die Region gehört zusammen»

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Beim Heuen in den Bergen oder bei seiner anderen grossen Leidenschaft, der Jagd, erholt sich Goldachs Gemeindepräsident Thomas Würth vom Tagesgeschäft. (Bild: zVg)

Im Sommergespräch mit dem Tagblatt äussert sich Goldachs Gemeindepräsident Thomas Würth (CVP) zu aktuellen Projekten, seiner Leidenschaft für die Berge und zu seiner Entscheidung, 2012 nicht mehr für den Kantonsrat zu kandidieren.

Herr Würth, seit wann sind Sie Gemeindepräsident?

Thomas Würth: In Goldach seit dem 1. Januar 2002, zuvor während 13 Jahren in Bütschwil.

Also seit bald 23 Jahren, ist Gemeindepräsident zu sein denn ein Traumjob für Sie?

Würth: Ja, absolut. Als Gemeindepräsident ist man wie nirgends sonst auf der politischen Ebene sehr nahe am Geschehen und kann aktiv gestalten.

Mit welchen Erwartungen sind Sie an den Bodensee gekommen; haben sich diese erfüllt?

Würth: Emotionell, meine Familie wurde in Goldach sehr gut aufgenommen, wir fühlen uns sehr wohl hier, haben sich meine Hoffnungen voll erfüllt. Politisch, beispielsweise bei der Fusionsabstimmung mit Untereggen, habe ich mehr Offenheit erwartet.

Nicht nur bezüglich Fusion mit Untereggen, auch mit anderen Projekten stossen Sie hier in Goldach gelegentlich auf Widerstand oder Ablehnung. Wie gehen Sie mit Enttäuschungen oder negativen Stimmungen um?

Würth: Auch in solchen Situationen und Phasen politisch korrekt und fair zu sein, zahlt sich letztlich aus. Es wäre beispielsweise ein leichtes, jemanden an der Bürgerversammlung blosszustellen, aber sicher der falsche Weg.

An den Bürgerversammlungen tun Sie ja oft das Gegenteil, unterstützen unsichere Redner bei Vorstössen und helfen sogar spontan bei der Formulierung von Anträgen.

Würth: Kürzere Voten wären zwar manchmal schön (lacht), doch grundsätzlich ist die Bürgerversammlung das ideale Gefäss für Bürgerschaft und Behörden, um sich politisch auszutauschen.

In Goldach schätzt die Bürgerschaft diese Möglichkeit, wie gutbesuchte und spannende Versammlungen in den vergangenen Jahren zeigen.

Würth: Deshalb kämpfe ich auch sehr dafür, dass die Bürgerversammlung nicht abgewertet wird. Wenn man mit jedem kleinen Projekt an die Urne geht, verliert sie an Bedeutung.

Wo steht Goldach heute?

Würth: Goldach hat sich mit dem Bewusstsein, Teil dieser Region zu sein, gut positioniert. Wenn man sieht, wie sich die Landschaft schweizweit verändert, dann wird klar, dass der Prozess noch nicht beendet ist, zumal in den vergangenen 30 Jahren über 600 Gemeinden verschwunden sind.

Wie wollen Sie ihrem Dorf eine weitere regionale Annäherung, eventuell auch eine Fusion schmackhaft machen, wenn schon Ober- und Unter-Goldacher das Heu nicht immer auf derselben Bühne haben?

Würth: Der Goldacher bleibt ein Goldacher, ebenso wie der St. Georgler ein St. Georgler geblieben ist. Trotz einer allfälligen Fusion müssen die Dörfer weiter gepflegt werden. Ich war in Bütschwil-Dietfurt während dreizehn Jahren Gemeindepräsident einer Doppelgemeinde. Nüchtern betrachtet haben wir in Dietfurt massiv überinvestiert, für die Identität der im Dorf lebenden Menschen war es aber enorm wichtig.

Was hiesse dies für die Region am See oder gar die Stadt am See?

Würth: Ich bin klar der Meinung, dass wir irgendwann zusammengehören. Es wäre aber ein völlig falscher Ansatz, würde die Entwicklung von Rorschach, Rorschacherberg und Goldach, beispielsweise in deren Zentren, nicht weiter gefördert.

Wie wichtig ist es für eine regionale Annäherung, dass Rorschach als Zentrumsgemeinde heute wieder auf gesunden Beinen steht?

Würth: Eminent wichtig. Früher haben die Rorschacher auf die Nachbargemeinden herabgeschaut, dann war die Situation umgekehrt. Von solchem Denken müssen wir uns definitiv verabschieden. Wir leben gemeinsam in diesem Raum und können diesen nicht mehr gestalten, ohne zusammenzuarbeiten.

Welches ist die richtige Politik für Goldach, wo möchten Sie die Gemeinde hinführen?

Würth: Visionär glaube ich, dass Rorschach, Rorschacherberg und Goldach eine Stadt sind. An die von Thomas Scheitlin geäusserte Vision von einer Stadt von Thal bis Gossau glaube ich weniger; dies wäre ein zu grosser Brocken.

Thema bei Fusionen ist auch immer wieder der Steuerfuss. Ist der Steuerwettbewerb, wie er heute spielt, richtig?

Würth: Steuerwettbewerb ist richtig und wichtig, sofern es auch entsprechende Ausgleichsmassnahmen gibt; ansonsten gibt es Verlierer, die sich finanziell nicht mehr selbst tragen können. Ich habe nichts dagegen, wenn es reiche Gemeinden gibt wie Mörschwil oder Jona, dann haben wir auch die Chance, dass reiche Leute im Kanton St. Gallen wohnen.

Wie steht es um die laufenden Projekte in Ihrer Gemeinde?

Würth: Bei der Zentrumsüberbauung haben wir den Planungswettbewerb abgeschlossen und werden den Verkauf des Landes nach den Sommerferien dem Referendum unterstellen. Bevor weiter geplant wird, muss der Investor wissen, ob er das Land bekommt. Nach den Ferien werden wir zudem den Architekten bestimmen, der die Detailplanung für das Seniorenzentrum La Vita macht. Im Juni nächsten Jahres werden wir den Baukredit über 15 Millionen Franken an die Urne bringen.

Wird das «La Vita» auch nach Erweiterung und Sanierung finanziell selbsttragend sein?

Würth: Wir haben zusammen mit OBT die entsprechenden Berechnungen gemacht und kommen zum Schluss, dass sich das «La Vita» mit marktkonformen Preisen auch weiterhin selber finanzieren kann. Wenn wir den genauen Kostenvoranschlag haben, werden wir alles nochmals sauber durchrechnen. Fakt ist, dass wir das «La Vita» als Gemeinde wie in den vergangenen 35 Jahren weiterhin selbst betreiben werden.

Mit La Vita, Zentrumsüberbauung und Autobahnanschluss laufen bereits einige grosse Brocken, gibt es dennoch auch visionäre Projekte?

Würth: Wir müssen in naher Zukunft sicher darüber diskutieren, ob wir einen Gemeindesaal brauchen. Vorstellbare Standorte dafür wären beim Bahnhof oder die Liegenschaft Gerosa, die die Gemeinde gekauft hat.

Eines der meistdiskutierten Probleme sind die von der Barriere im Zentrum verursachten Staus; zeichnet sich hier eine Lösung ab?

Würth: Der Gemeinderat setzt auf den Autobahnanschluss, dessen Projektierung am Laufen ist. Die parallel dazu umgesetzten flankierenden Massnahmen werden den Verkehr durch das Zentrum halbieren. Als flankierende Massnahme die Barriere für den Individualverkehr sperren und diesen über das Äuli zu führen, ist eine denkbare Option, ob der Preis dafür aber nicht zu hoch wäre, ist eine andere Frage.

Wir haben viel über die Region gesprochen; machen die Gemeinden genügend aus ihrem Schatz vor der Haustüre, dem Bodensee?

Würth: Nein, wir machen zu wenig daraus. Die Möglichkeiten, zu flanieren und vor allem auch gemütlich einkehren zu können, müssten zweifellos noch weiter ausgebaut werden. Wir müssen unserer Flaniermeile aber auch Sorge tragen, indem wir bei Projekten zusammenarbeiten.

Welche persönliche Beziehung haben Sie zum Bodensee?

Würth: Ich bin in Mörschwil aufgewachsen und habe in der Badhütte schwimmen gelernt. Wenn ich allerdings zwischen Seen und Bergen wählen müsste, würde ich mich für die Berge entscheiden. Ich muss aber nicht wählen, unsere Region hat ja auch die Berge fast vor der Haustüre.

Wie sieht es mit der Doppelbelastung Gemeindepräsident und Kantonsrat aus; werden Sie wieder für beides kandidieren?

Würth: Ich habe Spass an beidem, werde aber nächstes Jahr nicht mehr für den Kantonsrat kandidieren. Ausschlaggebend ist nicht die Doppelbelastung, sondern der Umstand, dass mein Bruder Beni als Regierungsrat gewählt wurde. Ich verstehe mich ausgezeichnet mit ihm, doch Parlament und Regierung haben unterschiedliche Aufgaben und streiten gelegentlich auch miteinander. Das könnte für uns beide unangenehme Situationen geben. Das will ich vermeiden.

Interview: Rudolf Hirtl





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