Schwellenangst hält Gäste vom Schloss fern

RORSCHACHERBERG ⋅ Nach zwei Direktionsflops kommt das Schlosshotel Wartensee nun endlich in die Spur. Gastgeber Raymond Santschi will weg vom Schickimicki-Image.
01. Dezember 2017, 07:01
Rudolf Hirtl
Beim Eingang im Schlosshotel Wartensee halten zwar zwei Ritter in silberner Rüstung Wache, doch es spukt nicht hinter den ehrwürdigen Gemäuern. Es sind also weder klapprige Skelette noch wimmernde Bettlacken, die Gäste fernhalten. Es ist vielmehr das Image vom herausgeputzten edlen und teuren Schloss, das viele erst gar nicht auf den Gedanken bringt, die herrliche Aussicht bei einem Mittag- oder Abendessen dort zu geniessen.

Dennoch spricht Raymond Santschi, seit Februar dieses Jahres Gastgeber des im Mai 2013 wiedereröffneten Hotel- und Restaurantbetriebs, von einem guten Start. Insbesondere Hochzeitsgesellschaften, grössere Firmen aus der ganzen Schweiz und auch staatliche Institutionen hätten wieder Vertrauen in den Schlossbetrieb, die Buchungslage für 2018 sei in diesem Segment denn auch ausgezeichnet.
 

Beim dritten Anlauf scheint es zu funktionieren

Gelitten hatte das Vertrauen potenzieller Gäste vor allem nach dem Abgang von Eugen Diethlem im vergangenen Winter. Unter anderem, weil unter seiner Regie eine 100-köpfige Hochzeitsgesellschaft vor verschlossenen Türen stand, da die Reservation «vergessen» ging. Es war nicht der einzige Fauxpas, der unter dem zuvor noch als Retter in der Not präsentierten Direktors passierte. Besitzer Urs Räbsamen, der das «Wartensee» im Juli 2012 für acht Millionen Franken gekauft hat, sah sich daher genötigt, die Reissleine zu ziehen. Räbsamen, der aus Frust beinahe auf das Kaufangebot eines Russen eingegangen wäre, wagte «aus Liebe zu seinem Schloss» dann doch noch einen dritten Anlauf. Und es scheint so, als würde das Schlosshotel nun endlich in die Spur finden. Jedenfalls sind die griesgrämigen Gesichter beim Personal, das von Diethelm laut Räbsamen «unter jeder Würde behandelt wurde», verschwunden. Unter Santschi, der ein familiäres Ambiente pflegt und die Angestellten in die Entscheidungsprozesse mit einbindet, ist ein frischer Wind zu spüren.
 

Hochzeitsmesse direkt beim Traumhotel

Der in Chur aufgewachsene Bündner ist von Beda Hutter’s «Ochsen» in Goldach ins 550 Meter über dem Bodensee thronende Schloss gewechselt. Zuvor war er fünf Jahre Pächter des Hotels Ochsen in Niederuzwil. Davor leitete Santschi das Hotel Silberhorn in Wengen und das Hotel Münchwilen. Zudem hatte er leitende Stellungen in den Stadtzürcher Hotels Sonnenberg, Savoy, Zürich und Baur au Lac inne.

Eine Nuss, die er nun im Schlosshotel lösen muss, ist die Schwellenangst. Das Drei-Sterne-Haus leide nämlich völlig zu unrecht unter seinem Hochglanzimage. Viel kämen etwa nicht zum Essen, weil sie von hohen Preisen ausgingen. «Das ist überhaupt nicht der Fall. Wir bieten am Abend und auch über Mittag eine gutbürgerliche Küche zu vernünftigen, fairen Preisen an.» Auch die abgelegene Lage lässt Raymond Santschi nicht gelten. «Wir haben genügend Parkplätze und die Bahnstation liegt nur eine halbe Minute vom Schloss entfernt. Welcher Gastrobetrieb kann das schon bieten?» Mit einer dreitägigen Hochzeitsmesse vom 23. bis 25. Februar, inklusive Raclettezelt und Modeschau, sowie weiteren Anlässen und Themenwochen will er die Schwellenangst abbauen und mehr Tagesgäste anlocken.

1Leserkommentar

Anzeige: