Schulmädchen zeigt Zivilcourage

GESCHICHTE ⋅ Bevor die eigentlichen Proben zum historischen Stück übers Flüchtlingsdrama von 1942 losgehen können, steht für die Theatergruppe der PHSG in Rorschach Geschichtstheorie auf dem Stundenplan.
27. September 2017, 07:46
Jil Lohse

 

Jil Lohse

jil.lohse@tagblatt.ch

Normalerweise geht es lebhafter zu, wenn sich die Theatergruppe der Pädagogischen Hochschule St. Gallen (PHSG) in der Aula Mariaberg einmal pro Woche zum gemeinsamen Proben trifft. Doch angesichts ihres aktuellen Bühnenstücks, das nach einer wahren Geschichte ein Flüchtlingsdrama aus Rorschach im Jahre 1942 behandelt, bedarf es zunächst etwas politischer Theorie aus vergangenen Tagen.

«Die Studierenden sollen ein grundlegendes Verständnis für die Umstände und die Zeit, in der das Stück spielt, bekommen», sagt Theaterpädagoge Björn Reifler. Gemeinsam mit Kristin Ludin führt er Regie. Zusammen leiten sie auch die Fachstelle Theater an der PHSG. Nachhilfe in Sachen historischer Flüchtlingspolitik erhalten die Lehramtsstudenten von Thomas Metzger, der als Dozent der Sekundarstufen-Lehrerausbildung auch für die Leitung der Fachstelle Demokratiebildung und Menschenrechte zuständig ist. Der Rorschacher Lokalhistoriker Otmar Elsener machte die Leitung der PHSG auf das Stück aufmerksam.

Mit Brief an Bundesräte für Flüchtlinge eingesetzt

Mitten im Weltkrieg, im August 1942, beschloss der Bundesrat, zivile Flüchtlinge an den Grenzen zurückzuweisen. Die Fremdenpolizei verschärfte den Beschluss antisemitisch: Juden galten auch weiterhin nicht als politische Flüchtlinge. Der furchtlose Nebelspalter-Verleger und Ständerat Ernst Löpfe-Benz trotzte der Zensur und veröffentlichte im «Ostschweizerischen Tagblatt» einen erschütternden Bericht über das Schicksal einer Flüchtlingsgruppe in der Westschweiz. Heidi Weber, ein Rorschacher Schulmädchen empörte sich über die Reportage und überzeugte ihre Schulkolleginnen, sich in einem Brief an die Bundesräte zu beschweren, «dass man die Flüchtlinge so herzlos wieder zurückstösst». Die Mädchen bewiesen Zivilcourage, wovon Bundesrat Eduard von Steiger sich beleidigt fühlte. Er schaltete die Bundesanwaltschaft ein, die den Schulrat zu einer Untersuchung aufforderte. Die Schülerinnen wurden daraufhin vom Schulratspräsidenten verhört und zu Stillschweigen verpflichtet. Das schriftliche Protokoll befindet sich heute im Bundesarchiv. Heidi Weber gilt seither nicht nur in Rorschach als ein Symbol der Zivilcourage.

Im vergangenen Jahr wurde ihre Geschichte im Kanton Aargau schon einmal von der Theatergruppe einer Kantonsschule aufgegriffen, um auf das Thema Zivilcourage aufmerksam zu machen. Die Klasse führte das Stück in Aarau vor ausverkauftem Hause vor. Auch Regisseur Reifler ist sich über die Aktualität der Thematik aus seinem Stück «Verhört! Drama aus Rorschach um 1942» bewusst: «Für uns ist es doppelt aktuell. Einmal wegen des regionalen Bezugs, aber auch wegen der derzeitigen Flüchtlingssituation.»

Premiere

Mittwoch, 6. Dezember , 19.30 Uhr

PHSG Stella Maris, Aula


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