Probieren geht über Studieren

RORSCHACH ⋅ Schüler der Oberstufe besuchen handwerkliche Betriebe. Die Branche ist gemäss eigener Einschätzung bei Jugendlichen nicht mehr im Trend. Der Berufsberater weist auf ein anderes Grundproblem hin.
18. November 2017, 05:19
Arcangelo Balsamo

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@tagblatt.ch

Was machen eigentlich ein Spengler, ein Sanitär oder ein Maler genau? Wie lange dauert die Berufslehre für die jeweiligen Berufe und welche Weiterbildungsmöglichkeiten gibt es danach? Mit diesen Fragen haben sich die Schüler der zweiten Oberstufe Rorschach in den vergangenen Tagen auseinandergesetzt. Im Rahmen der Lehrlingstage waren vier Schulkassen zu Gast bei acht Betrieben, um sich ein Bild etwa von folgenden Berufen zu machen: Heizungsinstallateur, Spengler, Metallbaupraktiker, Sanitär, Maler, Fachfrau Betreuung, Assistent Gesundheit, Zimmermann, Schreiner und Autospengler/-lackierer. Es handelt sich mehrheitlich um handwerkliche Berufe. Diese seien nicht mehr so gefragt, sagt Martin Scheifele, Geschäftsführer der Carl Franke AG, Rorschach. «Es gibt mittlerweile so viele Möglichkeiten. Ausserdem werden viele von Eltern und Freunden beeinflusst», sagt er. Es sei jedoch wichtig, dass die Jugendlichen selbst entscheiden, was ihnen Freude bereitet und herausfinden, welche Talente in ihnen stecken. Am einfachsten gehe das, wenn man sie nicht einfach nur zuhören, sondern ausprobieren lasse, so Scheifele.

Mehr weibliche als männliche Malerlehrlinge

Entsprechend sieht das Programm während des Schülerbesuchs aus. Die Jugendlichen stellen Pfeifen aus Aluminiumblech her und formen Armreife aus Kupfer. «So spricht man die Jungen am besten an und kann sie motivieren», sagt der Spenglermeister. Besonders wichtig sei es, auch junge Frauen anzusprechen. «Viele von ihnen trauen sich nicht oder nehmen eine Spenglerlehre gar nicht als Option wahr. Dabei hätten viele das Talent dazu. Diese Erfahrung habe ich während 19 Jahren als Experte bei Lehrabschlussprüfungen gemacht», so Scheifele.

Im Gegensatz zum Spenglerberuf gibt es unter Malern immer mehr Frauen, die den Beruf erlernen. «Sie sind mittlerweile sogar in der Überzahl. Aktuell sind es fast 70 Prozent», sagt Danilo Guerini, Geschäftsleiter Malerei & Farbenhaus Guerini, Rorschach. Auch dort setzt man nach einer kurzen Präsentation auf Praxiserfahrung. Die Jugendlichen versuchen sich im Abkleben, Spachteln und dem Malen einer geraden Linie. «Wir möchten damit das Interesse der Jugendlichen wecken», sagt Guerini. Während seiner Präsentation ermuntert er die Jugendlichen, sich fürs Schnuppern zu melden, um weitere praktische Einblicke zu erhalten.

Statistiken sprechen eine andere Sprache

Wie Scheifele stellt auch Guerini fest, dass handwerkliche Berufe bei Jungen nicht mehr so gefragt sind. «Der Trend geht immer mehr in eine andere Richtung.» Beide sind sich einig, dass handwerkliche Berufe abwechslungsreich sind und, dass nach getaner Arbeit ein ersichtliches und nachhaltiges Resultat vorhanden ist.

Dass immer weniger Jugendliche Lust auf einen handwerklichen Beruf hätten, könne man nicht behaupten, sagt Michael Messerli, Berufsberater an der Berufs- und Laufbahnberatung St. Gallen. «Das Grundproblem ist, dass es immer weniger Schulabgänger gibt», sagt er und verweist auf die Statistik des Bildungsdepartements St. Gallen. «2008 gab es im Kanton 6578 Schulabgänger. Im Sommer 2017 waren es hingegen nur noch 4820. Die Anzahl der Lehrstellen blieb im selben Zeitraum jedoch mehr oder weniger unverändert.» Es sei entsprechend nicht nur in der Handwerkerbranche schwieriger, alle zu besetzen.

Dass sich im Kanton St. Gallen immer mehr Schulabgänger für die Kantonsschule entschieden, sei denn auch ein Mythos, sagt Messerli. «Die Statistik zeigt, dass die Anzahl prozentual nur leicht gestiegen ist. 2007 waren es 13,6 Prozent der Schulabgänger, die anschliessend an die Kanti gegangen sind. 2016 war der Wert mit 14,7 Prozent zwar höher, aber nicht so extrem, wie viele denken.»


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