Männer sind Mangelware

BILDUNG ⋅ In den Schulhäusern der Region unterrichten deutlich mehr Frauen als Männer. Schulpräsidenten bedauern das – obwohl das Geschlecht der Lehrperson keinen Einfluss aufs Lernen habe.
Aktualisiert: 
07.10.2017, 16:00
07. Oktober 2017, 13:52
Linda Müntener

Linda Müntener

linda.muentener@tagblatt.ch

Der Hauswart ist der einzige Mann an der Primarschule in Grub SG. In den Klassenzimmern unterrichten ausschliesslich Frauen. Das ist kein Einzelfall: Der Frauenanteil in den Schulhäusern der Regionen Rorschach, Rheintal, St.Gallen und Gossau liegt bei den Vollzeitstellen überall über 60 Prozent. Vor allem im Kindergarten sowie in der Unter- und Mittelstufe sind Männer rar. Würde man die Heilpädagoginnen mit einberechnen, wäre der Frauenanteil noch höher.

Im einstigen klassischen «Männerberuf» sind die Frauen heute klar in der Überzahl. So auch in Goldach. Das zeigt sich schon bei den Bewerbungen. «Je nach Stufe liegt der Männeranteil bei den Bewerbungen zwischen null und 30 Prozent», sagt Schulpräsident Andreas Gehrig. Auch auf dem Pult der Thaler Schulratspräsidentin Miriam Salvisberg landen deutlich mehr Bewerbungen von Frauen. Diese Entwicklung bestätigt der Rorschacher Schulratspräsident Guido Etterlin. «Wenn ich Gast an der Diplomfeier an der PHSG bin, ist es frappant: Junge Männer sind die absolute Ausnahme. Das macht den Berufsentscheid für junge Männer nicht wirklich attraktiv», sagt er. Wieso der Beruf hingegen für viele Frauen attraktiv ist, darüber sind sich die drei einig. «Der Lehrerberuf ist mitunter der familienfreundlichste, den es gibt», sagt Etterlin. «Es gibt sehr viele begehrte Teilzeitstellen. Jobsharing ist weit verbreitet, der Wiedereinstieg nach einer Babypause ist in der Regel problemlos.»

«Verschiedene Perspektiven bereichern ein Team»

Auf das Lernen der Schülerinnen und Schüler habe das Geschlecht der Lehrperson zwar keinen Einfluss, sagt Miriam Salvisberg. Dennoch wünscht sich die Thaler Schulratspräsidentin mehr Männer in den Klassenzimmern. «So fliessen beide Sichtweisen der Erziehung ein.» Eine gute Durchmischung von Männern und Frauen sei – genauso wie eine gute Altersdurchmischung – auch für ein Team optimal. «Verschiedene Perspektiven bereichern ein Team», sagt Miriam Salvisberg. Andreas Gehrig sucht in erster ­Linie «gute» Lehrpersonen. «Ob Frau oder Mann ist zweitrangig.» Dennoch gebe es Situationen, in denen ein Lehrer wünschenswert wäre. «Alleinerziehende Familienarbeit wird in aller Regel von Frauen bewältigt. Für die Sozialisierung des Kindes kann es im Einzelfall von Vorteil sein, in der Schule eine männliche Bezugsperson zu haben.» So auch in der Elternarbeit mit Familien aus anderen Kulturkreisen: «Dort, wo der Mann das ‹Familienoberhaupt› ist.»

Für Guido Etterlin ist klar: «Unsere Frauen leisten sehr gute Arbeit.» Dennoch lebe die Schule von einer Ausgewogenheit. Diese sei heute nicht mehr gegeben. «Das bedaure ich.» Wenn Kinder ohne Vater aufwachsen, fehle oft der männliche Part. «Den kann dann auch die Schule nicht mehr bieten.»


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