Leserreporter erschweren die Polizeiarbeit

SENSATIONSLUST ⋅ Leserreporter und ihr Tempo erschweren die Arbeit der Kantonspolizei St. Gallen. Medienchef Hanspeter Krüsi schildert an einem Referat in Rorschach, wie Social Media die Polizeiermittlungen beeinträchtigen.
08. Februar 2018, 12:40
Jolanda Riedener
Wie stark dürfen Täter von den Medien ins Rampenlicht gerückt werden? Mit dieser Frage beschäftigten sich Hanspeter Krüsi, Leiter Kommunikation der Kantonspolizei St.Gallen und Alexander Sautter, Programmentwickler beim SRF, am Dienstagabend in Rorschach. Während zur gleichen Zeit im Pfalzkeller über die No-Billag-Initiative diskutiert wurde, nahmen sich rund dreissig Besucherinnen und Besucher Zeit, um im Berufs- und Weiterbildungszentrum Rorschach-Rheintal den Ausführungen der Kommunikationsexperten zu lauschen. Die SRG Ostschweiz organisierte die öffentliche Medienveranstaltung, geleitet von Ursel Kälin, Vorstandsmitglied der SRG. Die Veranstalter nahmen gleich vorweg: Das Thema Billag bleibe an diesem Abend ausgeklammert.
 

«Geschwindigkeit ist unser grösstes Problem»

Krüsi schildert jenen warmen Sommerabend im August, an dem es an der Marktgasse vor dem Café Starbucks zu einer Messerattacke gekommen ist. «Geschwindigkeit ist heute unser grösstes Problem», sagt Krüsi. Einen Redaktionsschluss gibt es nicht mehr. «Wenige Minuten nach einer Tat müssen Antworten her: Wer ist der Täter? Wer ist das Opfer?» Als Krüsi unterwegs zum Tatort beim Starbucks gewesen sei, hatte er nur einen Gedanken: Bloss nicht Terror. Ein Passant hatte eingegriffen, das Opfer verstarb später aber im Spital. Das Motiv blieb unbekannt. «Die Polizei hält sich an die Wahrheit. Das braucht Zeit», sagt Krüsi.

Alexander Sautter, der in der Online- und Newsabteilung arbeitet, weiss, dass sich die Geschwindigkeit bei der Berichterstattung verändert hat. Er spricht über die Publizistischen Leitlinien der SRG, die mehrere Seiten umfassen und ständig erneuert werden: «Wir müssen nicht die Ersten sein», sagt er. Da es sich bei der SRG um ein nationales Medium handelt und es Inhalte breit streut, sei man eher zurückhaltend, zum Beispiel bei der Nennung von Namen.
 

Leserbilder behindern Ermittlungen massiv

Leserreporter, die Bilder von Tatorten knipsen, seien ein weiteres Hindernis für die Polizei. Krüsi erinnert sich an einen Suizid: Ein Passant fotografierte die Leiche und spielte das Bild einer Gratiszeitung zu. «Auf dem Bild war die Tatwaffe zu sehen», sagt Krüsi. Dass es für die Ermittlungen der Polizei fatale Folgen haben könnte, wenn diese Bilder öffentlich zugänglich werden, liegt auf der Hand. Boulevardblätter entlöhnen Lesebilder mit bis zu 3000 Franken – «Es geht ums Geld», sagt Krüsi. Im Zugdrama von Salez, wo ein 27-Jähriger sechs Passagiere mit einem Messer und brennbarer Flüssigkeit angegriffen hat, wurde der Kapo-Mediensprecher gleich selber zum Täter: Ein ausländisches Medium nannte kurzerhand Krüsis Namen als Täter.

In der an die Vorträge anschliessenden Diskussion erkundigte sich ein Gast über das Problem beim Fotografieren von Unfällen . «Werden Leserbilder unbearbeitet weitergereicht und in Sozialen Medien geteilt, ist das problematisch, zum Beispiel wenn Autonummern erkennbar sind», sagt Krüsi. Es sei vorgekommen, dass Beamte Angehörige über einen Verkehrsunfall informieren mussten, diese aber bereits das verunfallte Auto im Internet gesehen hatten: «Für Polizisten, die eine solche Nachricht überbringen müssen, ist das schlimm.»

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