Im Reich der Tierretterin

MEDIZIN ⋅ Viele Tierbesitzer bringen ihr Haustier zu spät zur Behandlung. Das kann verheerende Folgen haben. Die Rorschacher Tierärztin Gyselle van den Hurk gibt einen Einblick in den Operationssaal.
28. September 2017, 05:19
Lisa Wickart

Lisa Wickart

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Nala geht es nicht gut. Gar nicht gut. Darum liegt die Katze auf dem Operationstisch in der Kleintierklinik Rorschach. Tierärztin Gyselle van den Hurk und ihr Team haben einen Notfall vor sich. Im hellen Operationssaal befinden sich neben der Ärztin zwei Tierarztassistentinnen. Sie müssen Nala Blasensteine entfernen, damit sie wieder normal ihr Geschäft verrichten kann. «Die Katze ist über Jahre hinweg nicht richtig be­handelt worden», sagt van der Hurk. Die Besitzerin fahre mit ihrem Haustier normalerweise über die österreichische Grenze zu einer günstigeren Praxis. «Nun muss ich die Fehler ausbessern», sagt die Tierärztin. Zu viele Tierbesitzer würden bei der ärztlichen Behandlung ihres Tieres sparen wollen und kommen zu spät zur Behandlung. Dass dies oft schiefläuft, würden die meisten erst zu spät realisieren.

Die Narkose zeigt ihre Wirkung: ­Ruhig liegt die Katze da, ihr Körper hebt und senkt sich langsam in regelmässigem Atemrhythmus. Die Tierärztin greift zum Skalpell und schneidet zuerst den Bauch, dann die Blase der Katze auf. Mit einer Pinzette fischt van den Hurk vorsichtig die Steinchen raus. Ab und an blickt sie auf den Bildschirm mit ­Nalas Werten vor sich. Es gibt keine Kompli­kationen, die Operation läuft wie geplant. Routiniert verschliesst sie die Bauchhöhle ihres Patienten wieder. «Die Katze bleibt nun einen Tag mit einer ­Infusion hier auf der Station. Dann darf sie wieder zurück in ihr bekanntes Umfeld.»

Gyselle van den Hurk führt die Tierklinik am See seit sieben Jahren. Sie hat sich schon früh auf Kleintiere spe­zialisiert. Bei der Behandlung von Nutztieren gehe es ihr zu sehr um die Wirtschaftlichkeit. «Mir passt es nicht, Tiere nach ihrer Rentabilität zu behandeln», sagt sie. Die Behandlung von Kleintieren sei dagegen vielfältiger. Etwa 90 Prozent der gesundheitlichen Probleme könne die Tierklinik am See selber behandeln, ohne die Tiere zu Spezialisten schicken zu müssen. In der Rorschacher Tier­klinik operieren zwei Tierärzte und drei Assistentinnen im Schnitt zwei ­Tiere pro Tag.

Schlangen, Papageien, Minischweine

Auf die Tierärztin wartet ein weiterer ­Patient. Im Röntgenraum hält ihn die Tierarztassistentin im Arm. Die Bulldogge leidet an Durchfall und Er­brechen. Sie muss geröntgt werden. Es bestehe der Verdacht, dass das Tier einen Gegenstand verschluckt habe. Der Bulldogge gefällt das Röntgen gar nicht. Grunzend windet sie sich im Griff der Assistentin. Doch Widerstand ist zwecklos. Nach ­wenigen Sekunden ist die Prozedur vorüber. Van den Hurk hängt die Röntgenaufnahme vor eine Lampe und löscht das Licht. Die Bulldogge habe Glück ­gehabt: Auf der Aufnahme sind keine Fremdkörper zu erkennen. Darum setzt van den Hurk nun auf konservative ­Therapie: Mit Medikamenten und ­Spezialfutter sollte es dem Hund bald besser gehen. Beruhigt holt der ­Besitzer ihn wieder ab. Neben Katze und Hund kommen laut van den Hurk auch exo­tische Haustiere in die Klinik: «Ich behandle ebenfalls Schlangen, ­Echsen, ­Papageien und kürzlich sogar ein Minischwein.» Ihr Beruf folgt ihr auch nach Feierabend bis nach Hause: Hier hat sich die Tierärztin sich eine eigene kleine Überwachungsstation ­aufgebaut. So sei es einfacher, kom­plizierte Fälle über Nacht zu kontrol­lieren.

Van den Hurk leistet zusammen mit neun weiteren Tierärzten aus der ­Region einen 24-Stunden-Notfalldienst. «Wenn mich in der Nacht jemand anruft, weil sein Hund angefahren wurde, muss ich sofort aufstehen und los­fahren.» Manchmal komme jedoch jede Hilfe zu spät. Dann folgt besonders für den ­Besitzer ein trauriger Moment: «Ein Tier einzuschläfern ist nichts ­Schönes, aber manchmal nötig.» Van der Hurk sieht das Einschläfern als Erlösung. «Mein Job ist kein Zuckerschlecken», sagt sie. Positive Erlebnisse gebe es ­dagegen viele. «Ich freue mich immer, wenn ich eine seltene Krankheit ent­decke und ein krankes Tier retten kann.»


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