«Ich bin mit dem Lohn zufrieden»

SOMMERGESPRÄCH ⋅ Der 1000-Seelen-Gemeinde Untereggen steht Grosses bevor: Eine Velo- und Fussgängerbrücke könnte Realität werden. Gemeindepräsident Norbert Rüttimann über Verdichtung, Dorfleben und seinen Lohn.
26. September 2017, 07:39
Jolanda Riedener

Jolanda Riedener

jolanda.riedener@tagblatt.ch

Zusammenhalt und ein lebendiges Dorfleben, dafür setzt sich Untereggens Gemeindepräsident Norbert Rüttimann ein. Das Projekt einer virtuellen Piazza ist erfolgreich gestartet. Vielleicht findet der Hausfrauentratsch aber bald wieder in der Bäckerei statt.

Herr Rüttimann, seit gut drei Jahren sind Sie Untereggens Gemeindepräsident. Haben Sie immer noch Spass an Ihrem Amt?

Ja, meine Aufgaben sind interessant. Als Gemeinderat habe ich gewusst, was etwa auf mich zukommt. Dennoch ist das Amt noch vielseitiger, als ich gedacht hatte. In einer kleinen Gemeinde muss man halt in allen Bereichen wissen, worum es geht.

Verwaltung und Gemeinderat sind seit Ihrer Amtseinsetzung nun auch komplett.

Wir haben auf der Verwaltung fachlich kompetente Mitarbeiter und sind ein gutes Team, was vieles erleichtert. Obwohl ich aus dem Gewerbe und nicht aus dem Verwaltungsbereich komme.

Sie arbeiten in einem 40-Prozent-Pensum als Gemeindepräsident und führen eine eigene Autospenglerei im Dorf. Bringen Sie alles unter einen Hut?

Nicht nur auf der Gemeindeverwaltung arbeiten kompetente Leute, auch in meinem Betrieb habe ich sehr gute Mitarbeiter. Dadurch bin ich flexibel. Zeit mit meiner Familie zu verbringen, das ist mir wichtig, sie soll auch nicht zu kurz kommen.

Gestartet haben Sie mit einem 30-Prozent-Pensum. Wie viel arbeitet man als Gemeindepräsident tatsächlich?

Das variiert stark. Es sind sicher so um die 50 Prozent. Hinzu kommen Anrufe, E-Mails und gesellschaftliche Anlässe. Diese zu besuchen, ist mir wichtig, und das zähle ich nicht zur Arbeit.

Im Vergleich mit den anderen Gemeindepräsidenten im Kanton haben Sie einen der tiefsten Löhne. Stört Sie das?

Ich habe damit gerechnet, dass ich nicht im oberen Segment bin. Das Ranking hat mich dann aber doch etwas überrascht. In grösseren Gemeinden gibt es sicher auch mehr Pflichttermine. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich mehr Lohn brauche und bin zufrieden so. Ausserdem wurde mein Pensum ja auf Anfang Jahr erhöht. Als Gewerbler ist man sich auch nicht an so hohe Gehälter gewöhnt.

Im Vorderhof entstehen zwei Mehrfamilienhäuser mit dreizehn neuen Wohnungen. Ansonsten ist Bauland derzeit eher rar im Dorf.

Die Mehrfamilienhäuser seien Ende Jahr bezugsbereit, das freut uns natürlich. Ansonsten sind an zwei weiteren Standorten Neubauten in Planung, jedoch sind Einsprachen hängig. Mit dem neuen Planungs- und Baugesetz wird die Ausnützungsziffer im Dorfkern abgeschafft. In der Folge kann dort verdichtetes Bauen stattfinden. Diese beiden Mehrfamilienhäuser im Vorderhof sind ein gutes Beispiel einer solchen Verdichtung. Wir konnten dort mit Ressourcen umgehen, statt ins Grüne zu bauen. Die alten Schweineställe wurden abgerissen. Das verdichtete Bauen stösst jedoch eher auf Widerstand aus der Bevölkerung. Bevor aber weitere Umzonungen überhaupt möglich werden, muss eine innere Entwicklung stattfinden.

Mit neuen Wohnungen kommen auch neue Einwohner. Wird Untereggen bevölkerungsmässig wachsen?

Nur minim, das fällt nicht gross ins Gewicht.

Wie geht man folglich mit schwankenden Schülerzahlen um?

Es ziehen zwar nicht unbedingt Familien in die neuen Eigentumswohnungen. Im kantonalen Vergleich haben wir in Untereggen aber überdurchschnittlich viele Schülerinnen und Schüler. Ein Problem sind diese Schwankungen aber nicht. Je nach Schülerzahlen werden zwei Klassen zusammen unterrichtet oder einzeln. Die Infrastruktur ist dabei sowohl auf der Kindergarten- als auch auf der Primarstufe vorhanden.

Es ist das erste Jahr, in dem Schul- und Gemeindeverwaltung als Einheitsgemeinde funktionieren. Wie sind die Erfahrungen dazu?

Es läuft gut, wir können Synergien nutzen, und die Abläufe haben sich bewährt. Die Zusammenführung war der richtige Entscheid. Auch, weil es nicht einfacher wird, Mitglieder für ein Amt in den Rat zu gewinnen.

Mit der Velo- und Fussgängerbrücke übers Goldachtobel steht Untereggen ein grosses Projekt bevor. Was würde die Brücke dem Dorf bringen?

Für Untereggen ist das ein super Projekt: Ein Leuchtturmprojekt, das über die Region hinaus wahrgenommen werden kann. Mit dem Velo, E-Bike oder zu Fuss haben wir mit der Brücke eine schnelle und sichere Verbindung nach St. Gallen. Sowie eine Alternativroute zum Veloweg entlang der Autobahn. In St. Gallen spielt sich für die Untereggerinnen und Unteregger im Bereich Freizeit, Schule oder beruflich viel ab. Wir stehen mit dem Projekt noch ganz am Anfang. Aber ich hoffe, dass ich die Realisierung noch erleben werde. Im Agglomerationsprogramm St. Gallen–Bodensee wurde das Projekt schon aufgenommen, jetzt geht es darum, das Vorprojekt anzugehen.

Auch für St. Gallen ergäben sich durch die Verbindung wohl Vorteile.

Ja, auch: Das Naherholungsgebiet würde sich für die Stadt erschliessen. Die Velo- und Fussgängerbrücke möchte man auch im kantonalen Velonetz integrieren. Das könnte dem Projekt helfen, eher zum Durchbruch zu kommen. Ich bin guter Dinge, dass es klappt. Das wird aber noch seine Zeit brauchen. Eine sichere Verbindung für den Langsamverkehr nach St. Gallen ist ausserdem für den Kanton von Interesse. Die jetzige Kantonsstrasse ist einfach zu gefährlich.

In Untereggen gibt es seit kurzem eine virtuelle Piazza. Braucht ein Dorf mit gut 1000 Einwohnern einen virtuellen Ort, um sich auszutauschen?

Das Interesse am Projekt war bisher gross. Treffpunkte wie Bäckerei oder Restaurants gibt es im Dorf immer weniger. Trotzdem ist es wichtig, dass es eine Plattform gibt, wo man sich austauschen kann. Ziel wäre es, dass nach der virtuellen Piazza auch eine reale Piazza entsteht. Die Plattform könnte das Eis brechen und den Weg zu einem realen Treffen ebnen. Auch der Zusammenhalt im Dorf könnte sich dadurch verstärken.

Worüber kann man sich auf der Piazza austauschen?

Vereine, Gewerbe, Bauern oder Privatpersonen können zum Beispiel auf Veranstaltungen oder Aktionen hinweisen.

Die letzte Bäckerei im Dorf stellte dieses Jahr den Ofen ganz ab. Ein grosser Verlust?

Natürlich ist das schade. Vor allem ältere Einwohner bedauern das. Man muss aber die persönliche Situation der Geschäftsinhaber nachvollziehen: Ihr Pensionsalter haben sie zum Teil überschritten. Die Metzgerei, die ihr Lebensmittelangebot ausgebaut hat, ist im Dorf aber immerhin erhalten geblieben: Verhungern müsste man nicht im Dorf. Es hat sich ausserdem ein interessierter Bäcker bei der Gemeinde gemeldet.

Wird es also bald wieder eine Bäckerei im Dorf geben?

Mehr kann ich dazu noch nicht sagen.

Die Neugestaltung des Gemeinschaftsgrabs hat sich hingezogen. Warum hat sich lange nichts getan?

In den nächsten Wochen beginnen die Arbeiten für die Neugestaltung, spätestens zu Allerheiligen werden sie abgeschlossen sein. Wegen eines personellen Wechsels hat sich das Projekt hingezogen.

Sie betonen immer wieder, wie wichtig Ihnen ein lebendiges Dorf- und Vereinsleben ist. Der Schützenverein kann die Anlage momentan wegen eines rechtlichen Streits um die Dienstbarkeit nicht benutzen. Ist seine Existenz des Vereins gefährdet?

Da es sich um ein laufendes Verfahren handelt, kann ich nichts dazu sagen. Jedenfalls hat sich eine Auflösung des Vereins auch an der letzten Hauptversammlung nicht abgezeichnet. Wir sind guten Mutes, aber wissen nicht, wie lange das Verfahren dauert.

Bis jetzt erschienen

Michael Götte, Tübach, Ausgabe vom 10. August, Thomas Fehr, Horn, Ausgabe vom 23. August, Dominik Gemperli, Goldach, Ausgabe vom 26. August, Roland Brändli, Steinach, Ausgabe vom 9. September, Thomas Müller, Rorschach, Ausgabe vom 15. September.


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