Goldach muss sich vom Verkehr befreien

LEITARTIKEL ⋅ In zwei Wochen befinden die Goldacherinnen und Goldacher über drei Baukredite aus der Zentrumsentwicklung. "Viel zu lange haben die kommunalen Politiker nur geredet statt gehandelt", schreibt Rudolf Hirtl in seiner Analyse.
11. November 2017, 08:29
Rudolf Hirtl

Eines vorweg, liebe Leserinnen und Leser: Wer in Goldach oder in der Umgebung wohnt, in St. Gallen arbeitet und nach Feierabend mit seinem Auto im Verkehr stecken bleibt, weil er dieses ohne triftigen Grund benutzt, der ist schlicht und einfach selber schuld. Es gibt genügend Busse und Züge, um in die Kantonshauptstadt zu gelangen.

Fakt ist aber auch; selbst dann, wenn mehr Menschen aus der Region auf die öffentlichen Verkehrsmittel umsteigen würden, die langen Staus, die sich regelmässig von der Autobahnausfahrt Meggenhus bis zur Barriere im Zentrum von Goldach ziehen, würden nicht merklich kleiner. Viel zu lange haben die kommunalen Politiker nur geredet statt gehandelt. Mit dem Ergebnis, dass die Infrastruktur dem Verkehr insbesondere in Goldach nicht mehr gewachsen ist.

Und die jetzt schon unerträgliche Situation wird nicht besser. Schon heute werden Feuerwehr oder Krankenauto an den Barrieren aufgehalten. In Zukunft werden durch den Ausbau des Bahnangebots die Schranken noch häufiger zu sein. Goldach droht im Individualverkehr zu ersticken.

In zwei Wochen haben die Goldacherinnen und Goldacher nun die Gelegenheit, die Situation markant zu verbessern. Die Verlängerung der Mühlegutstrasse mit SBB-Unterführung wird den Dorfkern entlasten. Lange Rückstaus auf der Hauptstrasse können so vermieden werden. Eine Ampel wird die Verkehrsteilnehmer bei geschlossener Barriere auf diese Alternativroute explizit hinweisen. Profitieren wird auch der öffentliche Verkehr. Nur dank der neuen Verkehrsführung mit einer Unterführung kann weiterhin ein attraktiver Bus-Taktfahrplan aufrechterhalten werden. Nicht nur das. Ein Ja am 26. November ermöglicht auch den Bau eines Busbahnhofs, der Teil des Projektes «Zentrumsentwicklung» ist. Weil dieser quasi neben den Gleisen des Bahnhofs realisiert werden soll, wird künftig nicht nur ein komfortables Umsteigen vom Bus auf die Bahn oder umgekehrt ermöglicht, es entsteht ein Knoten für den öffentlichen Verkehr mitten im Dorf.

Wie immer, wenn Verkehr umgeleitet oder neu geführt wird, so wie im Fall Mühlegutstrasse, gibt es Sieger und Verlierer. Auch wenn Gemeinderat und Planer die Strasse als Wohnstrasse gestalten wollen, in diesem Bereich und auch an der Untereggerstrasse wird es mehr Verkehr geben. Aus der Bevölkerung kommen daher zu Recht Bedenken, bezüglich Sicherheit für Kinder und ältere Leute bei Schule, Kirche, Alterssiedlung und Bibliothek. Mit gesicherten Übergängen, der Verlegung von Parkplätzen und weiteren verkehrsberuhigenden Massnahmen wird den Bedürfnissen von Fussgängern und Langsamverkehr entsprochen. Unter dem Strich überwiegen also ganz klar die Vorteile für die neue Verkehrsführung. Goldach erhält dadurch zweifellos einen Mehrwert.

Dies gilt auch für die Neugestaltung der Hauptstrasse, die im Abstimmungspaket ebenfalls enthalten ist. Heute ist die rund 200 Meter lange Hauptstrasse zwischen Rathaus und Bahnübergang wenig einladend. Sie wird gesäumt von abbruchwürdigen Häusern im Bereich Schäfli, Parkplätzen und Bushaltestellen. Das Projekt sieht vor, die Fahrbahn zu verschmälern und die Bereiche für Fussgänger deutlich zu vergrössern, um so einen eigentlichen Zentrumscharakter zu erhalten. Parkplätze werden zudem neu längs der Strasse angeordnet, damit nicht mehr rückwärts über Fussgängerbereiche gefahren wird. Nebst den Plätzen zum Verweilen, mehr Raum für Fussgänger und Tempo 30 bringt das Projekt mit Bäumen auch mehr Grün ins Zentrum. Ob die vorgesehenen Massnahmen nun das Nonplusultra sind, darüber liesse sich streiten. Fakt bleibt aber, dass das Goldacher Zentrum optisch dringend eine Auffrischung braucht.

Auch wenn für die Abstimmung vom 26. November Zustimmung zu empfehlen ist, die Massnahmen für den besseren Verkehrsfluss können und dürfen kein Freibrief sein, für weiterhin zügelloses Wachstum des Individualverkehrs. Denn ansonsten verpuffen die Massnahmen im Nichts. Im selben Masse, wie die Infrastruktur für den Individualverkehr verbessert wird, muss auch jene für den öV sukzessive weiter verbessert werden. Und für die ganze Region Rorschach gilt: das Auto öfter stehen lassen und auf den öV umsteigen. Denn in den täglichen Staus stehen beileibe nicht nur Goldacher. Die ganze Region wird von der «Umfahrung» Mühlegut profitieren.

Rudolf Hirtl


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