Er löscht die Lichter

NACHTARBEIT ⋅ Jun Lu ist nachts der einzige Angestellte im Hotel Bad Horn. Der 50-jährige Nachtportier gibt einen Einblick in seine Arbeit an der schicken Rezeption und in den dunklen Gängen unter dem Hotel.
26. Juli 2017, 05:17
Lisa Wickart

Lisa Wickart

lisa.wickart@tagblatt.ch

«Gute Nacht», ruft eine Serviceangestellte Jun Lu zu. «Schlaf gut», ruft dieser zurück. Sie verlässt das Hotel Bad Horn und macht sich auf den Nachhauseweg. Für Jun Lu fängt die Arbeit erst an. Der 50-Jährige ist Nachtportier. Während der ganzen Nacht ist er der einzige Angestellte im Horner Vier-Sterne-Hotel. Das Allein sein störe ihn nicht: «Ich fühle mich nicht einsam, da ich immer etwas zu tun habe», sagt er. An seinem Beruf liebe er die Vielfalt: «Ich bin Zimmermädchen, Putzmann, Wachhund und Rezeptionist in einem.»

Wenn um 23 Uhr seine Schicht beginnt, löscht der Nachtportier als erstes die Lichter auf der «Emily». Das Schiff befindet sich am angrenzenden Seeufer. Tagsüber finden dort Veranstaltungen oder Ausflüge für Gäste statt. Nachts schaukelt das Schiff verlassen auf dem See. In der Restaurantküche brennt noch Licht. Hier beendet das Servicepersonal die letzten Aufräumarbeiten. Jun Lu beginnt mit seinem Kontrollgang. Er betritt einen der zahlreichen Seminarräume. Routiniert sucht er den Boden nach Schmutz ab. Hier und da rückt er einen Stuhl gerade. Alles muss perfekt sein: «In einem Hotel schafft man mit vielen Kleinigkeiten Qualität.» Es scheint, als würde dem gebürtigen Chinesen kein noch so kleiner Makel entgehen. Lu reinigt neben den Seminarräumen alle Restaurants, Bars und Korridore. Er füllt die Getränkekühlschränke auf und kümmert sich um die Tagesabrechnung der Bars. Danach sammelt er die Bestellungen für das Frühstück ein. Wenn in der Nacht jemand am Eingang klingelt, wird er an Lus Handy weitergeleitet. «Es kommt vor, dass jemand um drei Uhr nachts noch ein Zimmer will», sagt er. Dann liegt es an ihm, dem Gast ein freies Zimmer anzubieten und ihn an der Réception einzuchecken.

Arbeit auch am Wochenende

Im Korridor kommt Lu ein Gast entgegen. Seine Schlüsselkarte funktioniere nicht. Gelassen begleitet der Nachtportier den Gast zur Tür und öffnet sie mit seiner Universalkarte. Dankend verschwindet der Mann im Raum. «Ich helfe den Leuten gerne», sagt Lu. An die Nachtarbeit habe er sich schnell gewöhnt. Nach der Arbeit schlafe er meist bis nach dem Mittag. «Ich esse dann zusammen mit meiner Freundin Frühstück, sie isst zu Mittag.» Auf sein Hobby muss er trotz seiner ungewöhnlichen Arbeitszeiten nicht verzichten. Lu ist Läufer. Er trainiert am Abend vor der Arbeit mit seinen Laufkollegen, für die das Training ein Tagesabschluss ist. Da Jun Lu auch am Wochenende arbeitet, hat er dafür an zwei Wochentagen frei. Dann springt einer der Tagesportiers für ihn ein.

Jun Lu steigt in den goldenen Lift. Nach wenigen Sekunden Fahrt öffnen sich die Türen. Hier unten sieht es nicht mehr so glamourös wie in der Eingangshalle aus. Mit zügigem Schritt geht Lu durch die kalten Betongänge. Ab und zu sind in der Stille Geräusche zu hören. Kein Gast bekommt diese Seite des Hotels je zu sehen. Hier wäscht er die Spa-Wäsche, entsorgt Abfall und sortiert Flaschen. Manchmal fragen ihn die Leute, ob er in der Nacht nicht Angst habe. «Wovor soll ich denn Angst haben? Vor Geistern?», antwortet Lu jeweils. Er habe in seinem Leben viel Schlimmeres in China erlebt, worauf er flüchtete. «Ich glaube nicht, dass Geister schlimmer wären als manche Menschen auf dieser Welt.»

Wenn es draussen langsam hell wird, neigt sich Lus Schicht dem Ende zu. Um sieben Uhr steigt er in sein Auto und fährt nach Hause nach St. Gallen. Er sei dann jeweils sehr glücklich. Die Autofahrer auf der Strasse müssten noch den ganzen Tag arbeiten. Und er? «Ich kann den ganzen Tag ruhig schlafen.»


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