Durchbeissen bis zum Ziel

SELBSTVERSUCH ⋅ Zwei Hobbysportlerinnen wagten sich untrainiert aufs Velo, um am 220 Kilometer langen Bodensee-Radmarathon vom Samstag teilzunehmen. Kälte, Übelkeit, Schmerzen – ein Erlebnisbericht auf Rädern.
11. September 2017, 06:53
Christina Vaccaro

Christina Vaccaro

christina.vaccaro@tagblatt.ch

Ich sass noch nie auf einem Rennrad. Bis zum vergangenen Samstag. Da trat ich das erste Mal in die Pedale des Profirennrads, das grosszügigerweise von Bischi Bikes für den 44. Bodensee-Radmarathon zur Verfügung gestellt wurde. Mit Kilogrammangaben und anderen Kennzahlen fangen Amateure wie ich wenig an. Aber: Dieses Carbon-Rennrad kann mit einem Finger problemlos aufgehoben werden, seine Reifen sind fast so dünn wie ein Daumen breit ist, und man liegt beim Fahren mit dem Oberkörper so tief drauf, dass bei nassen Strassen das Gesicht von unten nass wird. Dieses «Streitross» war der Ferrari unter den Rennrädern, das einer mittelsportlichen Amateurin wie mir eine Strecke wie die 220 Kilometer um den Bodensee erst möglich machte.

Verena Hinteregger, eine ebenfalls mittelsportliche Freundin, startete mit mir im Dunkeln um 6.36 Uhr in Altenrhein, der ersten von fünf Stationen rund um den Bodensee. Auch für sie war es der erste Radmarathon ihres Lebens. Verrückt war es schon, völlig untrainiert am Radmarathon teilzunehmen. Zumindest konnte keine Ehre verloren, sondern nur gewonnen werden.

Die ersten 44 Kilometer bis zur ersten Station in Tägerwilen bei Kreuzlingen gingen problemlos. Nach wenigen Metern war klar gewesen, dass die Rennräder super laufen, der Sattel nun einmal hart war und man sich besser an ihn gewöhnt sowie daran, von anderen Radmarathonfahrern mit teils beeindruckender Geschwindigkeit überholt zu werden. Verena hatte mit einer offenbar überreifen Kiwi vom Vortag und damit verbundenem Bauchweh zu kämpfen. Durch den Körper strömte Adrenalin, noch immer war ich euphorisch und genoss es, mich bei jedem Gefälle aerodynamisch nach unten zu legen und den «Ferrari» einfach laufen zu lassen.

«Vom See sah man länger nichts mehr»

Stein am Rhein kam und ging, wieder 28 Kilometer weniger. Der Untersee aber nahm kein Ende, die 49 Kilometer bis Meersburg zogen sich. Vom See sah man länger nichts mehr, das trug wenig zur Motivation bei. Man fuhr grösstenteils neben Landstrassen, durch Wald und Feld und begegnete kaum einem Velofahrer. Verenas Magen ging es besser, doch nun protestieren ihre Knie, besonders beim Aufwärtsfahren. Meine anfängliche Euphorie tröpfelte langsam, aber stetig aus mir, wie Wasser aus einem undichten Gefäss. Doch es ging mir erstaunlich gut, und ich konnte mich nicht beklagen. Müde war man halt, immerhin hatte um fünf Uhr der Wecker geklingelt, und schon etwa hundert Kilometer hatte man in den Beinen. Pünktlich um 12 Uhr erreichten wir den Hafen in Konstanz. Blöderweise war gerade eine Fähre abgefahren, was Warten bedeutet. Auf dem Schiff kühlten die Muskeln aus. Dann setzten 30 Rennradler, die zeitgleich auf der Fähre gewesen waren, wieder Reifen an Land und fuhren die steile Anhöhe bei Meersburg hoch. Verena biss sich durch. Oben angekommen brachten zwei versierte Helfer Licht ins Dunkel: Ihre Klickschuhe waren falsch eingestellt gewesen, wodurch Verenas Knie zusätzlich belastet worden waren. Sie richteten die Sache in zwei Minuten.

Wir hatten bereits 120 Kilometer zurückgelegt – mehr als die Hälfte. Diese Tatsache beflügelte mental, und wir waren sicher, es zu schaffen. Doch irgendwo zwischen Meersburg und Kressbronn, der letzten Haltestation vor dem Ziel, ermüdete der Körper. Jeder Tritt war unglaublich schwer: Es fühlt sich an, als ob einem mit einer Spritze flüssiges Blei in die Waden injiziert würde. Es war richtig anstrengend. Eines war klar: Die Pause in Kressbronn musste kurz bleiben. Der Körper hätte sich sonst geweigert, wieder aufs Velo zu steigen. Die fünf Minuten verbrachten wir damit, den Kontrollstempel zu holen, zu trinken und Biberecken zu essen.

«In den Steigungen wurde mir ein bisschen schlecht»

Den ganzen Tag über war es frisch, hin und wieder regnete es leicht. Als wir um drei Uhr Kressbronn verliessen, um die letzte und längste Etappe von 53 Kilometern in Angriff zu nehmen, fing es an zu regnen (aber der Regen vergass aufzuhören). Nun würde es mehr abwärts gehen, hatte man uns gesagt. Die Ernüchterung war gross, als ein Hügel nach dem nächsten kam. In den Steigungen wurde mir jetzt jedes Mal ein bisschen schlecht. Zu allem Übel fielen die Grade, die nasse Kälte kroch erbarmungslos in die Knochen. Es tat alles weh: der Rücken, die Schultern, die Ellbogen, die Handgelenke, das Gesäss und die Waden. Die Füsse schwammen schon seit geraumer Zeit in einem kleinen See im Schuh und waren eiskalt.

Irgendwann hörten die Hügel auf. Endlich kam Hohenweiler, dann Lochau. Dennoch: Die letzten 30 Kilometer waren eine einzige Qual, jede Unebenheit im Beton eine Tortur für die Knochen. Er wollte einfach nicht mehr, auch wenn man ihm sagte: «Fahr weiter!» Das also war mit Beissen gemeint. Und so bissen wir bis zum Ziel, das nach fast 11 Stunden und 30 Minuten kam. Geschafft. Der Sieg, stellten wir fest, war nicht die Goldmedaille. Es war der Sieg über sich selbst, ein unglaublich schönes Gefühl und eine starke Erinnerung, die für immer bleiben wird.


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