Viele Stichlinge, kaum Felchen

BODENSEE ⋅ Während nur sehr wenige Felchen in den Netzen heimischer Berufsfischer hängen bleiben, breiten sich Stichlinge explosionsartig aus. Warum, wissen selbst die Experten von der Fischereiforschungsstelle Langenargen nicht.
11. Juni 2016, 08:26
RUDOLF HIRTL

BODENSEE. So etwas hat Tino Dietsche bei Hunderten von Tauchgängen im Bodensee bisher selber noch nie beobachten dürfen. «Obwohl die Sicht durch den vielen Regen mehr als schlecht war und man bis auf zehn Meter runter fast die eigne Hand vor Augen nicht sah, hab ich bei meinem Tauchgang am Donnerstagabend ein paar Stichlingsgelege mit Hunderten von jungen Stichlingen entdeckt», erzählt der Goldacher Taucher und Fotograf und legt ein paar eindrückliche Bilder auf den Tisch. Er habe ganz genau hinschauen müssen, um die winzigen Tiere mit blossem Auge zu erkennen. Ein Indikator für ein mögliches Nest sei ein männliches, erwachsenes Tier, das sehr standorttreu in einem Bereich umherschwimme.

Klein und lästig

Während sich Taucher freuen, wenn ihnen der maximal drei Zentimeter lange Fisch vor die Unterwasserkamera schwimmt, ist der stachelige Fisch bei den heimischen Berufsfischern alles andere als beliebt. Einerseits ist er zwar essbar, schmeckt aber nicht, hat zu viele Gräten und ist daher nicht verkaufbar. Und andererseits frisst er den Felchen, den wichtigsten, weil ertragreichsten Fischen für die Bodenseefischer, die Nahrung weg.

Laut dem Altenrheiner Berufsfischer Gallus Baumgartner kann man beim Stichling daher tatsächlich von einer Plage reden. «Wegen seiner Stacheln bleibt er nicht nur in grossmaschigen Netzen hängen, er haftet auch oft an den Ankerseilen, mit denen die Netze befestigt werden. Er schafft uns also nur zusätzliche Arbeit, hat aber keinen Nutzen.» Vergangenes Jahr, aber auch dieses Jahr hat es extrem viele Stichlinge. Warum, wissen selbst die Experten von der Fischereiforschungsstelle in Langenargen nicht.

Zu wenig Felchen im Netz

Für Baumgartner ist das Phänomen allerdings nicht neu. «Bereits vor 25 Jahren haben sich Stichlinge extrem vermehrt. Nach zwei, drei Jahren war der Spuck wieder vorbei.» Darauf hofft der Altenrheiner auch nun. Und vor allem auch darauf, dass er endlich mehr Felchen fängt. «Derzeit gehen mir oft nicht mehr als fünf, nicht selten gar keine Felchen ins Netz. So lohnt sich das Rausfahren nicht; nicht einmal die Benzinkosten sind gedeckt.» Dass sich der aktuell hohe Wasserstand negativ auf die Fangerträge auswirkt, glaubt er nicht. Für die Jungfische sei es sogar gut, wenn es auch in flachen Uferbereichen und Wiesen Wasser habe. Schade sei, so Baumgartner, dass die Nährstoffe, die der Alpenrhein in den See transportiere, durch die Kanalisierung in der Tiefe verschwinden würden. «In 100 Meter Tiefe nützen sie den Fischen nichts.»


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