Neue Schüler kommen über Nacht

RHEINTAL ⋅ Am Sonntag kommt die Familie von irgendwo in der Welt mit dem Flugzeug, am Montag stehen die Kinder vor der Schultür. Mit so überraschenden Zuzügen haben die Schulen oft fertigzuwerden.
20. April 2017, 05:18
Gert Bruderer

Gert Bruderer

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An der Bürgerversammlung der Primarschulgemeinde ekmo (Eichenwies, Kriessern, Montlingen, Oberriet) sagte Schulratspräsident Karl Loher: Im letzten halben Jahr sei jeden Monat eine Familie eingetroffen, deren Kinder sogleich schulisch zu betreuen waren. Die Schule habe sehr viel in den Deutschunterricht zu investieren und die Kinder schnellstmöglich in die Klasse zu integrieren.

Im Einzugsgebiet der ekmo-Schulgemeinde sind vor allem die Schulen in Oberriet und Eichenwies betroffen. Allerdings sind Lehrer und Behörden auch andernorts gleichermassen gefordert. An verschiedenen Bürgerversammlungen kam jüngst zum Ausdruck, dass viele Schulen immer wieder überraschend Kinder aufzunehmen und zu unterrichten haben. «Manch ein Lehrer kann in solchen Fällen umso mehr an ­seine Leistungsgrenze stossen, als er sein Bestmögliches geben möchte», sagte Karl Loher. Das Motto laute: So viel Integration wie möglich, so viel Separation wie nötig.

OMR erwägt Bildung einer Integrationsklasse

Die Oberstufe Mittelrheintal erwägt, sich des Problems zusammen mit den Primarschulen ihres Einzugsgebietes auf besondere Weise anzunehmen. Verfolgt wird die Idee, eine gemeinsame Integrationsklasse zu bilden. Gedacht ist diese Klasse für Kinder von der 3. Primarklasse bis zur 3. Oberstufenklasse. Am Morgen wären die Schülerinnen und Schüler in der Integrationsklasse, den Nachmittag verbrächten sie in ihrer Stammklasse im Wohnort. Nach Auskunft von OMR-Präsident Ivo Riedi wird das Projekt im Mai allen Schulpräsidentinnen und -präsidenten des unteren Rheintals vorgestellt, anschliessend wird entschieden, ob man es umsetzen oder einfach zur Hand haben möchte – für den Fall, dass die Zahlen plötzlich ­explodieren.

Was hat man sich konkret vorzustellen, wenn Karl Loher sagt, am Sonntag komme von irgendwoher eine Familie mit dem Flugzeug, am Montag stünden die Kinder vor der Schultür? Einerseits sind Flüchtlinge gemeint. Der Oberrieter Schulleiter Roland Züger nennt als Beispiel eine syrische Familie mit vier Kindern. Zwei Jahre seien sie in einem Flüchtlingscamp im Libanon gewesen, von dort kamen sie ins obere Rheintal. In kürzester Zeit mussten die Kinder so viel Deutsch lernen, dass sie einigermassen dem Unterricht folgen konnten. Schon nach rund zwei Monaten wurden drei der Kinder je einer Primarschulklasse zugewiesen, das vierte Kind kam in die Oberstufe.

Eine weitere Flüchtlingsfamilie kam aus der Wüste, wo sie in einem Zelt gelebt hatte. Diesen Menschen fiel es schwer, sich anzupassen – und sie zogen weiter. Eine dritte Flüchtlingsfamilie aus Sri Lanka erreichte Oberriet mit Kindern, die Züger als wissbegierig und lernfreudig lobt. Sogar in die Sek könnte ein Bub es schaffen. Auch längst im Rheintal lebende Flüchtlingsfamilien kann es nach Oberriet ziehen. Syrer, die in der Marienburg in Thal lebten; Afghanen, die in Marbach daheim waren und in die Gemeinde Oberriet zügelten.

Viele Gründe führen ins Rheintal

Nicht nur Asylsuchende, auch viele andere Familien ziehen überraschend zu, aus verschiedenen Gründen. Eine verheiratete Frau verliess den Mann und zog mit ihren Kindern zu einem Schweizer, eine andere Familie kam aus Polen her, weil die Eltern hier Arbeit haben; nach Brasilien ausgewanderte Schweizer, die dort eine Familie gründeten, kehrten zurück in die Schweiz, und Halbprofisportler aus dem Osten kamen mit ihren Familien ins ekmo-Einzugsgebiet, weil sie einen Ringerclub verstärken konnten.

Schulleiter Roland Züger sagt völlig wertungsfrei, in vielen ­Fällen höre er von der Verwaltung «Es chunnt dänn no öpper». Auch Österreicher zögen regelmässig zu. Die Kinder kämen zwar aus einem guten Schulbetrieb, der Lehrplan weiche von unserem allerdings merklich ab; Französisch ab der fünften Klasse beispielsweise gibt es nur bei uns.

Dritte Generation: Kein Wort Deutsch

Weit mehr als jeder ungeplant eintreffende Schüler überrascht Roland Züger die Haltung mancher Eltern aus dem Balkan, denen die Fixierung auf die eigene Kultur wichtiger ist als die ­Integration des Nachwuchses. Immer wieder komme es vor, dass Kinder der dritten Generation beim Schuleintritt kein Wort Deutsch sprechen, sagt Roland Züger. Mit den Eltern könne er Schweizerdeutsch reden, ihre Kinder hätten Deutsch aber als Zweitsprache zu lernen.

Übrigens: Auch von uns weg bewegen sich Menschen. So hat eine Brasilianerin bei Nacht und Nebel ihren Mann verlassen und ist mit den Kindern zurück in die Heimat geflogen. Das aber ist eher die Ausnahme.


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