Mediengezwitscher an der längsten Bar der Stadt

RORSCHACH. Im Rahmen des Lehrgangs Medienpädagogik veranstal-ten FHS St. Gallen und PHSG im «Kornhausbräu» das medienpädagogische Experiment «Mediengetwitter»; medienpädagogische Talks in Form von Tischgesprächen, Interviews und Lesungen.
16. Dezember 2009, 01:01
MARK RIKLIN

Twitter, YouTube und Facebook; Podcast, Second Life und Avatar: Was wie eine komplizierte Fremdsprache klingt, gehört für Martin Hofmann längst zum privaten und beruflichen Alltag. Der 42jährige Dozent für Bildungsinformatik und Medienpädagogik an der Pädagogischen Hochschule des Kantons St. Gallen und Leiter des Kompetenzzentrums E-Learning im Studiengang Kindergarten und Primarstufe ist durch und durch ein Vertreter des digitalen Zeitalters.

Konventionelle Ordner und Agenden zum Blättern sind aus seinem digitalen Büro längst verbannt, Kalender-, Adress- und Aufgabenverwaltung auf dem Smartphone gespeichert, sein Wissen in Weblogs öffentlich zugänglich gemacht.

Selbstversuche

Als passionierter Blogger ist Hofmann neben vier eigenen Blogs Abonnent achtzig weiterer und somit am Puls neuester Entwicklungen.

Meist lange bevor sie mehrheitsfähig sind, testet der experimentierfreudige Medienpädagoge Erfindungen, erprobt sie sozusagen im Selbstversuch. Twitter (siehe Kasten) beispielsweise entdeckte Hofmann bereits wenige Monate nach dessen Gründung anlässlich einer Microlearning-Konferenz in Innsbruck. «Nur wer sich selbst im Internet auskennt, kann seine Kinder zu Menschen erziehen, die verantwortungsvoll mit neuen Medien umgehen können», sagt der vierfache Familienvater.

Auf der Grundlage eigener Erfahrungen sucht Hofmann nach Antworten auf die Frage, wie sich das Social Web für ein modernes Lehr- und Lerngeschehen nutzen lässt, bestimmen bis dominieren doch elektronische Medien (MP3, Handy, Computer) den Alltag von Kindern und Jugendlichen zusehends. Medienpädagogische Kompetenz sei gefragter denn je.

Digitale Revolution

Zu den gesellschaftlichen Veränderungen einer digitalen Gesellschaft gehöre es, dass die ältere Generation von der jüngeren lerne, wie die Welt funktioniere, sagt Hofmann. Den «Digital Natives», wie sie neudeutsch heissen, sei die digitale Welt so vertraut wie Einheimischen die Eigenheiten ihres Landes, weil sie darin gross geworden seien.

Die Generation ihrer Eltern, die «Digital Immigrants», hingegen lernten erst im Laufe ihres Lebens den Umgang mit Computer und Handy.

Die Digital Immigrants brauchen Nachhilfe in digitaler Revolution, sollten mehr wissen über die Online-Welt, in der sich ihr Nachwuchs tummelt. Noch sind Weiterbildungsangebote Mangelware. Unter Leitung von Martin Hofmann (PHSG) und Selina Ingold (FHS St.

Gallen) findet in Rorschach seit zwei Jahren der schweizweit erste Zertifikatslehrgang für Medienpädagogik statt: In fünf Modulen lassen sich Fachpersonen aus dem Sozial-, Bildungs- und Bibliotheksbereich zu Medienpädagogen ausbilden.

Echtzeit-Medium

Als öffentliches Fenster ins Reich der Medienpädagogik findet im Rahmen der zweiten Durchführung des Zertifikatslehrgangs ein medienpädagogisches Experiment statt.

In der Brauerei Kornhausbräu werden sogenannte «Mediengetwitter» durchgeführt: medienpädagogische Talks in Form von Tischgesprächen, Interviews und Lesungen. Im Mittelpunkt steht das reale und virtuelle Gespräch zwischen einem Gast und den Teilnehmenden.

Das Besondere an dieser Talkreihe ist die Möglichkeit, sich mittels Twitters in die Diskussion einzumischen: Kommentare und Fragen der Zuhörenden werden via SMS auf einer Twitter-Wall öffentlich gemacht, als eine Art Sofort-Feedbacks.

Somit entstehe ein mehrschichtiger medienpädagogischer Dialog, ein «Mediengetwitter» eben, sagt Hofmann. Erster Gast kommenden Freitag ist der Handyroman-Autor Oliver Bendel; am 8. Januar 2010 folgt Bruno Metzger (Kapo Chef Sicherheitsberatung) zum Thema Internetkriminalität, am 22. Januar 2010 Stefan M. Seydel (rebell.tv), der Mann mit den orangen Hosen.

Kostenloses Mediengetwitter mit Handyroman-Autor Oliver Bendel. Freitag, 18. Dezember, 16 bis 17 Uhr, Brauerei Kornhausbräu, Industriestrasse 21.

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