Landegg ist kein «Aufreger» mehr

REGION. Diebstahl- und Raubdelikte in Rorschach haben in den vergangenen Jahren abgenommen. Dies steht im Widerspruch zur in der Bevölkerung weitverbreiteten Meinung, das Asylzentrum Landegg sei Ausgangspunkt erhöhter Kriminalität.
09. Februar 2015, 07:34
RUDOLF HIRTL
Eine Meldung der Kantonspolizei St. Gallen im Januar hat die Menschen in der Region aufgeschreckt. In Rorschach wurde einer 75jährigen Frau das Portemonnaie aus der Handtasche ihres Rollators gestohlen. Kurze Zeit später wurde auch ein Marroniverkäufer bestohlen. In der Meldung hiess es weiter: «Die Täter dürften nordafrikanischer Herkunft sein.» Spätestens bei der Angabe von Tätern dieser Herkunft läuten in der Stadt Rorschach die Alarmglocken. Ursache dafür ist die Häufung von Überfällen und Diebstählen im Jahr 2011, die mit Bewohnern des Asylzentrums Landegg in Wienacht in Verbindung gebracht wurden. Das Tagblatt, Ausgabe Rorschach, berichtete damals von Entreissdiebstählen, Ladendiebstählen, eingeschlagenen Autoscheiben und Passanten, die mit Faustschlägen traktiert und bestohlen wurden.
 

Anteil Nordafrikaner kleiner

Hanspeter Krüsi, Mediensprecher der Kantonspolizei St. Gallen, stellte damals fest: «Ob die Zunahme von Delikten in Zusammenhang mit dem Asylzentrum Landegg steht, ist eine gefährliche Spekulation. Aufschluss auf diese Frage ergibt sich erst mit der Eruierung der Täterschaft.» Mittlerweile liegen die Statistiken der vergangenen vier Jahre vor und es können seriöse Schlüsse daraus gezogen werden. «Die Theorie einer wachsenden Anzahl Beschuldigter mit nordafrikanischer Herkunft im Zusammenhang mit der Landegg lässt sich mit statistischen Zahlen nicht untermauern», sagt Krüsi dazu. Im Gegenteil, so der Mediensprecher weiter, gemäss Nationalitäten-Hitparade habe der Anteil von Beschuldigten aus Nordafrika bei Straftaten gegen das Strafgesetzbuch während der vergangenen Jahre abgenommen; im einzelnen seien dies bei uns die Staaten Tunesien, Algerien und Marokko. Ein Blick auf die erhobenen Zahlen (siehe Grafik) zeigt denn auch, dass nach der Steigerung 2011 und 2012 in den Folgejahren weniger Diebstähle und Raubüberfälle verübt wurden. In der Stadt Rorschach sanken Diebstahldelikte von 365 auf 200 und Raubüberfälle von 5 auf 2.

Laut Rorschachs Stadtpräsident Thomas Müller aber nicht einfach so. «Wir hatten 2011 in der Stadt viele Meldungen von Ladenbesitzern, dass sich Asylanten <gratis> bedienen würden. Der Avec-Laden im Hauptbahnhof beispielsweise sperrte bereits um 17 Uhr zu, weil die Angestellten Angst hatten. Es waren Zustände, die der Stadtrat so nicht akzeptieren konnte. Aus diesem Grund sind wir mit Verantwortlichen der Kantonspolizei und dem zuständigen Regierungsrat Fredy Fässler zusammengesessen und haben Massnahmen beschlossen.»

Hans-Rudolf Arta, Generalsekretär des Sicherheits- und Justizdepartements des Kantons St. Gallen, bestätigt die Häufung von Delikten 2011. «Damals während des Arabischen Frühlings hatten wir grosse Probleme in allen Asylzentren. Ein mühsamer, kleiner Teil von Leuten, die sich nicht an die Spielregeln halten wollten, war dafür verantwortlich. Wir hatten Vorfälle in den Appenzeller-Bahnen, und der Avec-Shop beim Hauptbahnhof war tatsächlich ein eigentlicher Hotspot.»

Zusammenhang war da

In Zusammenarbeit mit dem Kanton Appenzell Ausserrhoden habe das Sicherheits- und Justizdepartement Massnahmen umgesetzt. So seien Rädelsführer aus den Zentren herausgenommen, private Sicherheitsdienste verstärkt worden. Der Avec-Shop etwa habe von Bewohnern der Landegg nur noch in Begleitung betreten werden dürfen. Massnahmen, die laut Arta zur Beruhigung beigetragen haben. Es habe sich aber auch gezeigt, dass die Zusammensetzung der Bewohner in den Asylzentren eine Rolle spiele. Waren es damals vor allem Tunesier, so seien heute mehrheitlich Eritreer in den Zentren zu Hause. Während Hanspeter Krüsi einen Zusammenhang von Kriminalität mit Landegg-Bewohnern verneint, so räumt Hans-Rudolf Arta ein, dass man einen Zusammenhang mit der Erhöhung von Delikten und der Landegg zumindest 2011 nicht in Abrede stellen könne. Er und auch Rorschachs Stadtpräsident zeigen sich erfreut, dass die Massnahmen gegriffen hätten und die Lage heute ruhig und normal sei. «Es hat sich einmal mehr bewährt», so Müller, «Probleme nicht anstehen zu lassen, sondern zuständige Stellen möglichst rasch um Hilfe zu bitten. Aktuell haben wir von Rorschacher Ladenbesitzern zu diesem Thema keine negativen Rückmeldungen mehr.»


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