Klein, hell und freundlich

Vor 150 Jahren wurde die erste evangelische Kirche Rorschachs eingeweiht. Sie wurde schon nach gut 40 Jahren wieder abgebrochen, weil sie mit ihren etwa 200 Plätzen zu klein war.
07. September 2012, 01:34
PETER BEERLI

RORSCHACH. Der 7. September 1862 war ein Freudentag für die evangelische Kirchgemeinde Rorschach, zu welcher auch jene von Goldach mit ihren Dörfern gehörte. Ihre erste Kirche wurde eingeweiht, nachdem seit 1854 Gottesdienste im ehemaligen Kloster Mariaberg gefeiert wurden.

Holz ist der Gesundheit dienlich

Der Bau wurde im «Ostschweizerischen Wochenblatt» vom 8. August 1862 vorgestellt: «Die evangelische Kirche beim Bäumlistorkel ist nun nahezu fertig. Obwohl klein, bietet sie dennoch mehr Räumlichkeit, als man dem Äussern nach vermutet. Das Innere ist hell und freundlich und dass nur die Gänge mit Steinplatten belegt, das übrige aber Holzböden sind, ist der Gesundheit gewiss sehr dienlich. Bei jüngster Kirchgemeinde wurde der vernünftige Beschluss gefasst, des Kirchleins Turmspitze mit einem Kreuz, dem Zeichen der Christenheit, zu verzieren.»

Kosten von 46 214 Franken

Der Bau des St. Galler Architekten Kunkler kostete 46 214 Franken. Die Summe konnte nicht von den Einheimischen allein getragen werden. So führte Pfarrer Jakob Berger in St. Gallen und Basel Haussammlungen durch. Der Protestantisch-kirchliche Hilfsverein, der deutsche Gustav-Adolf-Verein und weite Kreise halfen mit. Dazu ein im «Ostschweizerischen Wochenblatt» erwähntes Beispiel: «Eine russische Dame, welche seit Jahren ihren Sommeraufenthalt hier verbringt und gegenwärtig im <Bäumlistorkel> logiert, hat zur Erstellung der Kanzel 450 Franken und eine silberne Kommunion-Platte geschenkt.»

Geläute, Reden und Musik

Zur Vermeidung unnötigen Alarms gab die Kirchenverwaltung am 5. September 1862 bekannt: «Samstag Abends von sechs bis halb sieben Uhr werden die drei neuen Glocken zum erstenmal geläutet und dann wieder am Sonntag Morgen ebenfalls von sechs bis halb sieben Uhr.» Dann kam der grosse Tag: Angeführt von weissgekleideten Mädchen mit den Kirchenschlüsseln und den Abendmahlsgeräte tragenden Pfarrern zogen Ehrengäste und Publikum am 7. September unter Glockengeläute von «Mariaberg» zur Kirche. Pfarrer Jakob Berger predigte, Kirchenratspräsident Pfarrer Bärlocher aus Rheineck und Dekan Wirth aus St. Gallen hielten Vorträge, der Männerchor sang und die Blechmusik spielte. 80 Personen wohnten dem Mittagessen im «Grünen Baum» bei. Dabei wurden Toasts ausgegeben. Das «Ostschweizerische Wochenblatt» lobte: «Die zahlreiche Teilnahme katholischer Orts-Bewohner war besonders geeignet, einen wohlwollenden Eindruck hervorzubringen. Sie konnte als äusseres Zeichen gelten für die gegenseitige Achtung und Duldsamkeit, in welcher die Konfessionen hier mit und unter einander zu leben gewohnt sind.»

42 Jahre bis zum Abbruch

Die erste Kirche war gebaut worden, als im Raum der Gemeinden Rorschach, Rorschacherberg, Goldach, Tübach, Steinach, Mörschwil und Untereggen gut 1000 Protestanten lebten. Deren Zahl vervierfachte sich bis 1900. Das zu klein gewordene alte Kirchlein wurde 1904 durch die heutige Kirche ersetzt und dann abgebrochen. Alte Bilder erinnern an die kurze Zeit, in welcher in Rorschach dicht beieinander zwei evangelische Kirchen standen. Im ersten Kirchlein wurden 3450 Kinder getauft, 1998 junge Menschen konfirmiert, 842 Paare versprachen sich die Treue und 2300mal läuteten seine Glocken zur Bestattung auf dem nahen Friedhof.


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