Im Rollstuhl aufs Glatteis

GOLDACH. Claudia Hüttenmoser spielt leidenschaftlich Rollstuhl-Curling. Mit Erfolg – nach der Silbermedaille bei den Schweizer Meisterschaften sind die Paralympics 2010 das grosse Ziel.
17. April 2009, 01:01
Lea Müller

Eigentlich sei sie ja ein «Gfrörli» und möge die Kälte nicht ausstehen, gesteht Claudia Hüttenmoser. Trotzdem verbringt die Goldacherin einen grossen Teil ihrer Freizeit auf dem Eis. Vor zwei Jahren entdeckte sie durch Zufall das Rollstuhl-Curling als neue Sportart. Nach einem Schnuppertag war sie begeistert: «Man konnte mich schier nicht mehr vom Eis runterbringen», erzählt die 41jährige Rollstuhlfahrerin. Nach langer Suche – Basketball, Rugby und Unihockey waren ihr zu grobe Mannschaftssportarten – fand sie so ihren Lieblingssport.

«Wie ein Schachspiel»

Mit anderen Schnuppertag-Teilnehmern wurde kurz darauf eine Mannschaft gegründet: das Team Wetzikon. Zwei Jahre lang trainierte sie zusammen mit ihren vier Teamkollegen Max Brunner, Ivo Hasler, Josef Ramel und Felix Wagner den richtigen Dreh, die schlauste Taktik und mentale Stärke. «Das Curling ist vergleichbar mit einem Schachspiel auf dem Eis», erklärt sie. Auf dem Spielfeld geht es darum, die acht Steine möglichst nahe dem Zentrum des Hauses zu plazieren. Zwei Teams mit je vier Spielern treten gegeneinander an.

Das Gefühl für den Kraftaufwand haben, dem Stein im letzten Moment den richtigen Dreh mit auf den Weg geben – das ist der Trick beim Curling. Noch wichtiger ist diese Qualität im Rollstuhl-Curling. Anders als beim Curling der «Fussgänger» – wie die Rollstuhlfahrer die nichtbehinderten Curler bezeichnen – wird das Eis nämlich nicht gewischt. Das heisst, dass sich der Weg des Steins in Richtung Haus nicht mehr beeinflussen lässt, sobald dieser losgelassen wird. Auch beim Kraftaufwand gibt es Unterschiede: Die «Fussgänger» heben ihre Steine an, während ihre Kollegen im Rollstuhl einen langen Stab benutzen, mit dem sie die rund 20 Kilogramm schweren Steine anschieben.

Bezüglich der Regeln unterscheidet sich das Spiel der Rollstuhlfahrer und der «Fussgänger» aber nicht. In Wetzikon spielten Claudia Hüttenmoser und ihr Teamkollege Ivo Hasler aus St. Gallen schon in gemischten Teams. Das seien spannende Spiele gewesen, erinnert sich Claudia Hüttenmoser: «Die Fussgänger haben mehr Kraft und können die Steine weiter schieben. Wir dagegen spielen mit einem präziseren Dreh. Da gab es oft ein Kopf-an-Kopf-Rennen.» Am Curling fasziniert Claudia Hüttenmoser der starke Zusammenhalt im Team und das taktische Vorgehen. «Man muss sehr konzentriert spielen und mental stark sein», sagt sie.

Frage der Organisation

Die Hausfrau und Mutter von zwei Kindern ist eine vielbeschäftigte Frau. Sie sitzt als Kreisrichterin im Rorschacher Gericht, engagiert sich aktiv im katholischen Pfarreirat der Gemeinde Goldach und ist Vorstandsmitglied im Rollstuhlclub St. Gallen. Neben dem Curling gehören weitere Sportarten zu ihren Hobbies: Mono-Skifahren, Hand-Biken und Golfen. Wenn sie Zeit findet, liest sie gerne ein Buch oder trifft sich mit Freunden zum gemütlichen Jassen. Wie bringt sie Familie, Beruf und das zeitaufwendige Curling unter einen Hut? «Jede Mutter weiss, dass alles eine Frage der Organisation ist», sagt sie augenzwinkernd.

Claudia Hüttenmoser ist in Berneck aufgewachsen und wohnt mit ihrer Familie seit über zehn Jahren in Goldach. Als Vorstandsmitglied ist es ihr ein Anliegen, sich aktiv um Neumitglieder für den Rollstuhlclub St. Gallen zu bemühen. Mit dem Erfolg des Curlingteams wolle sie zeigen, dass der Club kein «Mauerblümchendasein» friste.

Chance steht 50 zu 50

Nach nur zwei Jahren Training holte das Wetziker Team mit Claudia Hüttenmoser als Vizeskip an der Schweizer Meisterschaft Silber. «Wir sind stolz auf unsere Leistung», sagt die Curlerin strahlend. Das Team habe bewiesen, dass es als Newcomer das Zeug dazu habe, die Nationalmannschaft der Schweiz zu werden. Die nächste grosse Etappe steht vor der Türe: Am kommenden Wochenende vom 18. und 19. April nimmt das Wetziker Team an den Ausscheidungen zu den Paralympics 2010 in Vancouver teil. Im Curling Center Baden Regio treffen Claudia Hüttenmoser und ihre Kollegen wieder auf den Schweizer Meister aus Bern. Die Chance steht 50 zu 50 – eines der beiden Teams tritt an der Behinderten-Olympiade in Kanada an. Für Claudia Hüttenmoser ist klar: «Es wird nicht einfach, aber wir spielen ungefähr auf dem gleichen Niveau wie die Berner.»


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