Durch Höhen und Tiefen singen

JUBILÄUM ⋅ Der Kolumbanschor Rorschach wird 250 Jahre alt und blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Zählte er einst über 100 Mitglieder, ist die Suche nach solchen heute schwierig. Dem begegnet der Chor mit neuen Ideen.
09. Januar 2017, 05:38
Ueli Sturm

Ueli Sturm

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Nach Wil 1715 und Rapperswil 1737 hat Rorschach einen der ältesten durch alle Jahre aktiven Kirchenchöre des Kantons St. Gallen. Die bemerkenswerte Geschichte widerspiegelt sich in den Namen: Bei der Gründung Freies Musikalisches Collegium genannt, später Cäcilienverein und heute Kolumbanschor. Der Chor hat in den 250 Jahren zum musikalischen, geistlichen und kulturellen Leben der alten Hafenstadt beigetragen.

Blicken wir zurück ins Jahr 1767. Der Marktflecken Rorschach steht unter der Herrschaft von Fürstabt Beda Angehrn von Hagenwil, der den Bau der Fürstenlandstrasse zwischen Rorschach und Wil in Auftrag gibt. In Salzburg residiert Fürsterzbischof Sigismund Christoph Graf von Schrattenbach. Im März 1767 führt der elfjährige Mozart sein sakrales Singspiel «Die Schuldigkeit des 1. Gebotes» in seiner Residenz auf. Der Jubiläumschor hat seither Höhen und Tiefen erlebt, Fürstabtei und Fürstbistum sind nach den Auswirkungen der Revolution verschwunden.

«Unter Busse» zum Probebesuch verpflichtet

Im 18. Jahrhundert ist Rorschach durch Korn- und Leinenhandel zu einigem Reichtum gekommen. Die Kolumbanskirche ist für nun rund 2000 Gläubige zu klein geworden. Eine der bedeutenden und reichen Handelsfamilien waren die Von Bayer, die sogar als Gläubiger für Fürstabt Beda fungierten. Sie errichteten prunkvolle Bauten wie Kettenhaus sowie das heutige Rathaus und das Gebäude der Engelapotheke. Ferdinand Joseph von Bayer, Oberkommissär und fürstlicher Pfalzrat, gilt als Gründer des musikalischen Kollegiums. In seinem Nachlass bedachte er den Chor mit «zur Verbesserung der figurierten Musique und an durch befördernder Ehre Gottes allhiesig löblichem Collegio musico 300 Gulden». Der erste Präsident war Karl Anton Sigmund Ferdinand Caspar von der Trave, Leinenhändler und fürstäbtischer Grenadierhauptmann. An der Spitze stand der «Musikdirektor». Seine Arbeit bezahlte das Collegium, das sich durch Beiträge von Gönnern und Behörden finanzierte.

Die Kirchenmusik in Rorschach erlebte Reformen von Gesang und Liturgie. Das alte Collegium befand alle sechs Jahre über den Weiterbestand, der bis heute gewährt blieb. Nach neuen Statuten unter Lehrer Joseph Anton Rüttimann 1838 wurden die Sängerinnen und Sänger «unter Busse» zur Teilnahme an den Proben und zu Gesangsunterricht verpflichtet. Als Ehrung gab es aber für die Mitglieder für den Fall der Verehelichung ein Hochzeitsamt und für den Todesfall «die Teilnahme aller am Leichenzuge unter Harmoniebegleitung mit vierstimmigem Gesange und ein musikalisches Traueramt». Am Cäcilientag wurde gefeiert «mit vergnüglichem Feste, Nachtessen, Produktionen und Tanzvergnügen». Zur Zeit des 100-jährigen Bestehens war die Suche nach einem Probelokal Thema. Man wechselte von der «Krone» in den «Grünen Baum» oder das «Signal». Dekan J. Gälle beklagte sich: «Studieren von Messen und Offertorien bei Wein, Bier und Limonade! Denn Wirtschaften sind eben Geschäfte!» Anlässlich des Diözesanfestes 1902 wurde der Chor kontinuierlich erweitert. So wurden an Ostern 1906 108 Sängerinnen und Sänger registriert. Die Gründung des Lehrerseminars Mariaberg 1856 war ein Glücksfall für St. Kolumban. Lehrer stellten manche Chorleiter und Organisten, Seminaristen bereicherten Chor und Orchester. Nicht wenige Chordirektoren waren und sind über die Region hinaus bekannte Musiker und Komponisten wie aktuell Franz Pfab oder seine Vorgänger Iso Rechsteiner und Hans Rudolf Basler. Auch die Anforderungen an den Chor waren früher hoch. So hiess es unter Baslers Vorgänger A. Bartsch: «Probe Montag Herren, Mittwoch Damen und Freitag gesamter Chor!»

Mit Chorprojekten gegen den Mitgliederschwund

Die Zeiten ändern sich und nicht nur der Kolumbanschor, sondern alle geistlichen und weltlichen Vereine haben Mühe, Mitwirkende zu gewinnen. Das klassische katholische Milieu existiert nicht mehr, die Kirchen sind entleert und das Freizeitangebot im digitalen Zeitalter fast unbegrenzt. Durch die Schaffung von Chorprojekten wie seit Jahren unter Leitung von Franz Pfab konnte der Entwicklung begegnet und sowohl Sängerinnen und Sänger wie auch das Publikum über den Kreis der Musica Sacra hinaus begeistert werden. Ein Beispiel ist die letztes Jahr zweimal erfolgreich aufgeführte Toggenburger Messe von Peter Roth. Der Kolumbanschor ist nach 250 Jahren hochmotiviert und hofft, dass sich weiterhin Sängerinnen und Sänger engagieren, damit Musik und Gesang Kirche und Gemeinschaft auch in Zukunft bereichern. In der Festschrift zum 150-Jahr-Jubiläum 1917 steht: «Wir sprechen von vergangenen Zeiten, vom Hoffen in künftigen Tagen, von dem, was die Seele in ihren Tiefen gefangen halten, was ihr Harmonie geben kann und cäcilianischer Wappenspruch ist: Jubilate Deo!»

Am 21. Januar wird im Rorschacher Stadthofsaal bei einem Galaabend mit Gästen der befreundeten Pfarrei St. Columban Friedrichshafen das Jubiläum gefeiert. Am 25. Juni findet in der Herz-Jesu-Kirche das Jubiläumskonzert mit dem Chor St. Columban Friedrichshafen statt, unter anderem mit der schweizerischen Uraufführung von Magnificat und Missa brevis von Nikolaus Betscher.


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