Die einzigen Profis in der Schweiz

FUSSBALL ⋅ Die US-Britin Brooke Hendrix und die Norwegerin Helene Haavik spielen seit dem Frühjahr beim FC Staad. Die zwei ersten Transfers des Vereins aus dem fernen Ausland sind von Privatpersonen finanziert.
31. März 2017, 07:44
Yves Solenthaler
Die Frauen des FC Staad kicken seit acht Jahren ununterbrochen in der Nationalliga A. Das Budget der Staader Frauenabteilung liegt im mittleren fünfstelligen Bereich: Damit messen sich die St. Gallerinnen mit Vereinen, deren Etat nach Aussagen von Staader Vereinsfunktionären bis zu einer Million Franken beträgt.

Die Staader widmen sich daher der Nachwuchsförderung. Das Problem: Kaum erreicht eine Spielerin nationales Spitzenniveau, wird sie von Grossvereinen abgeworben. Zuletzt geschehen bei Nationalspielerin Jana Brunner, die zum FC Basel wechselte.
 

Der Trikot-Diebstahl hat viele Herzen erweicht

Kurz vor Saisonbeginn haben Diebe bei den Habenichtsen das einzige entwendet, was zu holen war: Die Spieltrikots inklusive Hosen und Stulpen – für Heim- und Auswärtsspiele. Regionale und nationale Medien griffen die Geschichte über den armen Verein auf, der nicht mal mehr Kleider besitzt.

Was unfassbares Pech zu sein schien, wurde so zum Glück für den Verein. «Privatpersonen bekamen Mitleid, als sie hörten, wie unsere Budgetverhältnisse sind», sagt Luc Haltner, der Frauenverantwortliche des FC Staad. Nach einer ganzen Herbstrunde in alten Trikotsätzen spielen die Staaderinnen seit diesem Jahr wieder in aktuellen Tenues, was Sponsoren ermöglicht haben. Aber das nachträgliche Glück, das die Staaderinnen mit den geklauten Trikots haben, äussert sich auf einer anderen Ebene: Dadurch bekam der Verein die Möglichkeit, die Verteidigerin Brooke Hendrix und die Offensivspielerin Helen Haavik, beide 23-jährig, zu verpflichten.
Diese Transfers haben Privatpersonen mit abgeschlossener Vermögensbildung ermöglicht. «Sie sagten uns: Jammern bringt euch nicht weiter», sagt Haltner. Und handelten entsprechend, indem sie selbst ins Portemonnaie griffen und Kontakte zur Industrie spielen liessen, um den Staaderinnen im wegen Ligareduktion verschärften Kampf um den Ligaerhalt zu helfen. Haltner betont, dass die Spielerinnen zwar fremdfinanziert sind, aber mit gesetzlich einwandfreien Arbeitsverträgen beim Verein angestellt seien. Brooke Hendrix wohnt bei Haltners Mutter, einer Witwe. Die später in die Schweiz gekommene Helene Haavik bei einer Nachbarin von ihr, ebenfalls einer Witwe. «Aus unserem Budget könnten wir die beiden Spielerinnen nicht finanzieren», sagt Haltner, «aber sie erhalten weniger Lohn als viele Schweizer Spielerinnen bei den Grossvereinen – wir wissen ja ungefähr, was unsere Ehemaligen verdienen.»

An diesem Punkt klingt Haltner plötzlich wieder empört: «Trotzdem gelten Hendrix und Haavik als einzige Profis in der NLA der Frauen.» Der Schweizerische Fussballverband (SFV) wolle daher, dass die beiden einen «nahezu hundertseitigen Mustervertrag unterschreiben, der für die Männer gilt und in dem es unter anderem um Bildrechte geht – was für uns keine Bedeutung hat.» Die grossen Klubs können diese Bestimmungen mit Teilzeitpensen in der Privatwirtschaft und Studentinnenstatus der Spielerinnen umgehen.
Aber das ist ein Nebenschauplatz. «Wir sind den Gönnern sehr dankbar, dass sie diese Engagements ermöglicht haben», sagt Haltner.
 

Kurzfristig ein Vorteil – aber was ist nächste Saison?

Bisher hatte sich der Verein auf der Suche nach neuen Spielerinnen in der Schweiz und allenfalls in Vorarlberg oder Süddeutschland umgesehen. Hendrix und Haavik hat sich Staad nach Videosichtungen ausgesucht. «Wobei der Markt für uns nicht riesig ist», sagt Haltner. Er erhalte zwar regelmässig Videos, vor allem von Afrikanerinnen – aber Spielerinnen ohne europäischen Pass kämen für Staad nicht in Frage.
Man hatte vermutet, die beiden Transfers entspringen einem Strategiewechsel – weg vom Transfermarkt in der Schweiz und dem nahen Ausland hin ins ferne Ausland. Weit gefehlt. Ohne das Staader Glück mit den grossherzigen Privatpersonen schmälern zu wollen: Nächste Saison geht’s wieder um den Ligaerhalt, wenn Staad diesen Sommer die Klasse halten kann. Nachhaltig ist dieser Weg daher nicht.

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