Tiziani mischt mit 81 gern noch mit

BERNECK ⋅ Hans Tiziani wird eine besondere Ehre zuteil. Er ist das einzige nichtamerikanische Mitglied einer siebenköpfigen Kommission, die nächstes Jahr den Chef der weltweit grössten wissenschaftlichen Gesellschaft wählt.
07. Dezember 2017, 05:20
Gert Bruderer

Gert Bruderer

Der 81-Jährige, der um die Jahrtausendwende drei Jahre lang Vorschläge für die Vergabe des Physik-Nobelpreises machen durfte, hat vor zwei Jahrzehnten die Grundlagen für ein Messgerät geschaffen, das seiner Zeit weit voraus war. Erst in jüngster Zeit hat die deutsche Firma Mahr die Erfindung zu einem Industriegerät ausgebaut, was dank fortgeschrittener Digitaltechnik möglich war.

Schnelles, hochpräzises Messen ermöglicht

Dieses Messgerät, das letztes Jahr an einer grossen Frankfurter Messe vorgestellt wurde, ermöglicht es, die Oberfläche komplexer optischer Systeme auch dann hochpräzise zu messen, wenn diese Oberfläche nicht plan oder kugelförmig (sondern sogenannt asphärisch) ist. Das Spezielle am Gerät ist, dass Messungen schnell und ohne teure Hilfsmittel erfolgen können, was die Durchlaufzeit von Prototypen tief hält. Verwendet wird das Messgerät unter anderem bei der Entwicklung von Luftbildkamera-Objektiven oder Objektiven für die Medizinaltechnik.

Zu den Unternehmen, die ein solches Messgerät verwenden (und es gibt von ihnen bloss ein halbes Dutzend) gehört Swiss­optic in Heerbrugg. Hans Tiziani lächelt und bringt den Begriff «brotlose Wissenschaft» ins Spiel, der er entgegengewirkt habe, indem nun sogar das St. Galler Rheintal ganz konkret etwas von seiner Forschungsarbeit habe. Auf dem Leica-Areal sind heute, nebenbei bemerkt, acht ehemalige Studenten von Hans Tiziani tätig.

«Manche Dinge haben eben eine lange Geschichte», sagt der einstige Optik-Feinmechanikerlehrling, der via Abendtech und Hochschulstudium in Paris (mit Schwerpunkt Optik) zum Professor und Institutsleiter der Uni Stuttgart aufgestiegen ist und der nun schon länger mit seiner Frau ob Berneck wohnt, im Ortsteil Rüden.

Zürich, Paris London, Stuttgart

Von seinem früheren Arbeit­geber, der Uni Stuttgart, erhielt Hans Tiziani zum 80. Geburtstag ein liebevoll gestaltetes Schriftstück hinter Glas, das den Respekt für seine Leistung als Urheber des neuen Messgeräts zum Ausdruck bringt. In Stuttgart verbrachte der in Montlingen aufgewachsene Wissenschaftler drei Jahrzehnte.

In jungen Jahren hatte er an der Zürcher ETH als Leiter der Gruppe Optik in technischer Physik gewirkt und anschliessend fünf Jahre lang bei der damaligen Wild Heerbrugg den Zentralbereich Labor geleitet. Weitere vier Jahre brachte Tiziani in London zu, wo er den Doktortitel erwarb.

In Stuttgart hat er aus dem ­Institut für technische Optik ein weltweit führendes gemacht. Die Zahl der wissenschaftlichen Mitarbeiter stieg im Laufe der Jahrzehnte von fünf auf über vierzig.

Hans Tiziani gefällt es, mit 81 Jahren noch immer «mitzu­mischen». Das Verb verwendet er öfter und sichtlich vergnügt. Er hat in Stuttgart sein Büro behalten und berät mit Freude Doktoranden.

Verlockendes Angebot einst ausgeschlagen

Vor fünf Jahren erhielt der Rheintaler, der gegen vierhundert Artikel veröffentlicht und an der Publikation von 25 Fachbüchern mitgewirkt hat, als erster Europäer den damals zum vierten Mal verliehenen Chandra-S.-Vikram-Preis der internationalen Gesellschaft für Optik und Photonik (SPIE).

Diese besondere Auszeichnung war in gewissem Sinne auch ein Lohn dafür, der Wissenschaft treu geblieben zu sein und ein verlockendes Angebot aus der Wirtschaftswelt ausgeschlagen zu haben: In den Achtzigerjahren hatte der deutsche Erfinder und Unternehmer Erwin Sick den Rheintaler für die Führung seiner namhaften Firma Sick mit schon damals ein paar tausend Mitarbeitern gewinnen wollen. Nachzulesen ist dies in Erwin Sicks Buch über die Firmengeschichte.

Hans Tiziani ist nach wie vor viel unterwegs. So nahm er letztes Jahr als Ehrenmitglied an der 100-Jahr-Feier der (einst von ihm besuchten) Pariser Ecole Supérieure d’Optique teil, und kürzlich freute sich der Wissenschaftler über eine ungewöhnliche Begegnung in München, am weltweit grössten Laserkongress. Ein ehemaliger Doktorand würdigte nicht nur Tizianis Wirken (was im Rahmen eines Plenarvortrags ungewöhnlich ist), sondern hatte auch seinen interessierten Sohn mitgebracht, der schon einige Publikationen des Rheintalers gelesen hatte.

Nächstes Reiseziel ist San Francisco

San Francisco ist das nächste Reiseziel. Vom 27. Januar bis 1. Februar findet hier die bekannteste SPIE-Veranstaltung statt, «Photonics West». Ende Januar werden sich Hans Tiziani und seinen sechs Kommissionskollegen jene Kandidaten vorstellen, die sich für den Job als CEO der wissenschaftlichen Gesellschaft beworben haben und es in die engste Auswahl schafften.

Laut Wikipedia ist SPIE eine «Gesellschaft für Technologie der Optik und Photonik». Hans Tiziani bezeichnet SPIE noch etwas genauer als weltweit grösste wissenschaftliche Gesellschaft für Optik, Mikroelektronik und Lasertechnik. Gerade die Mikrotechnik und die Mikronanologie seien ja hochaktuell.

Das neue industrietaugliche Messgerät, für das an Tizianis Institut vor zwei Jahrzehnten die Grundlagen geschaffen worden waren, ist dafür das beste Beispiel: Es misst auf einige Millionstel Millimeter genau. – Millionstel Millimeter!


Leserkommentare

Anzeige: