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Tagblatt Online, 10. August 2010 01:01:28

«Warum hat man Wünsche?»

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Shirley findet in Griechenland Anreiz, sich dem Leben neu zu stellen. (Bild: Bild: Esther Wüthrich)

WALZENHAUSEN. Im Rahmen des vierten Anlasses der «Walzehuser Bühni» am vergangenen Samstag brillierte Ute Hoffmann in dem Ein-Personen-Stück «Shirley Valentine» oder «Die heilige Johanna der Einbauküche» von Willy Russell.

Esther Wüthrich

Rund 100 Besucherinnen und Besucher vermochte die «fast einheimische» Darstellerin über 90 Minuten mit ihrem fulminant in Szene gesetzten Monolog und einer überraschend breiten Palette ihrer Gefühlswelt spielend zu fesseln.

Gross waren nicht nur die Gefühle, sondern auch der Applaus am Ende der meisterhaft gespielten Komödie in der Walzenhauser Mehrzweckhalle vergangenes Wochenende.

Die Geschichte einer Hausfrau mittleren Alters, Liverpooler Arbeiterklasse, konzentriert sich auf die Verwandlung ihres Lebens vor und nach ihren Griechenland-Ferien. «Warum hat man dieses Leben … wenn man keinen Gebrauch davon macht?»

Shirley Valentine, Mutter von zwei erwachsenen Kindern, stellt sich diese und andere existenzielle Fragen im Zwiegespräch mit der Küchenwand ihrer Einbauküche – der sie sich aus Not und Gewohnheit mit ihren Selbstgesprächen zuwendet.

Einst glücklich mit ihrem Mann Joe, ist ihr Eheleben nach all den Jahren zu einer Farce – einem besseren Dienstleistungsverhältnis – verkommen. Was haben sie falsch gemacht? Joe's Meinung nach handelt es sich bei Shirleys Allüren einzig um die Wechseljahre.

Sich abhanden gekommen

Ute Hoffmann greift tief in die Gefühlskiste bei der Darstellung von Shirleys Rekapitulationen und provoziert damit beim Publikum tiefe Betretenheit bis hin zu unkontrollierten Lachern:

«Früher bin ich von Türmen gesprungen, heute überfällt mich schon auf dem Gehsteig ein Schwindelgefühl.» Ihre Fragen und Einsichten spüren verletzte Gefühle, Resignation, falsche Erwartungen und vergessene Wünsche auf und die Tatsache, dass sie sich selber in der Alltagsroutine als Mutter und Hausfrau selbst abhanden gekommen ist.

Mit der Einladung ihrer Freundin Jane, nach Griechenland zu reisen, gerät nun ihr gesamtes Konstrukt Leben ins wackeln. Nach einem langen inneren Kampf voller Schmerz und Niederlagen fasst sie schliesslich den Mut, sich auf das Abenteuer Leben neu einzulassen – ohne Rücksicht auf Verluste. Einzig eine kurze Nachricht hinterlässt sie «ihm» – ihrem Ehemann, Gründer und Verfechter des elften Gebots: «Donnerstags gibt es Hackfleisch und Pommes Frites.»

Unerwartete Wende

In Griechenland auf sich selbst gestellt – ihre Freundin lässt sich schon im Flugzeug auf ein Techtelmechtel ein – geniesst sie Sonne, Meer und Costas, Wirt einer Taverne und Verführer. Allerdings gesteht sie sich ein, dem unerfüllbaren Traum von Jugend und Liebe nachzueifern. Mit der Zeit und erneuter Einsicht kehrt nach der Sinnlichkeit nun auch Selbstvertrauen wieder in ihr Leben ein. Shirley beginnt, sich wieder selbst zu mögen.

Trotzdem zerknirscht ob der Rückkehr in ihr altes Leben, entscheidet sie sich in letzter Mi- nute, das Flugzeug nicht zu besteigen. Zum Verdruss ihres Angetrauten. Sie kehrt in die Taverne zurück, jedoch nicht als Costas' Geliebte, sondern als seine Serviererin. Joe bekommt nach zwei fehlgeschlagenen Kommunikationsversuchen per Telefon eine weitere Chance: nämlich in Griechenland auch sich selbst und seinen tiefen, wirklichen Wünschen wieder näher zu kommen.

Publikum fühlte mit

Dass Shirleys Auseinandersetzung und tief schürfende Reise der Erkenntnis durchaus realistisch und nicht nur für die Frauen ein Thema ist, spiegelten stille Betroffenheit und Lacher des Publikums zur richtigen Zeit.





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