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Tagblatt Online, 26. Juli 2012 01:34:00

Von St. Gallen aus die Welt verändern

Im eben erschienenen Buch «Die Wirtschaft sind wir!» denkt der in Balgach wohnhafte Oliver Fiechter, Gründer und CEO des ISG Institutes St. Gallen, ein völlig neues, revolutionäres Wirtschaftssystem an. Jeder Einzelne ist angesprochen, die geltenden Machtverhältnisse mit zu verändern.

Denken Sie, dass wir vor einer Weltwirtschaftskrise wie 1929 stehen?

Oliver Fiechter: Es gibt tatsächlich erschreckende Parallelen. Typisches Charakteristikum der Goldenen Zwanzigerjahre waren Gier, Überheblichkeit, Schuldenwirtschaft und überhitzte Immobilienmärkte. Das alles sind ebenfalls Merkmale von heute. Wenn man aber genauer hinsieht, erkennt man, dass der sozio-ökonomische Kontext gegenwärtig fundamental anders ist als damals.

Was heisst das genau?

Fiechter: Die beiden entscheidenden Unterschiede zu 1929 sind die Transformation unserer Gesellschaft und die hohe Vernetzungsdichte der Märkte. Das Internet und die sozialen Netze verstärken die Einflussnahme und demokratisieren wirtschaftliche Machtstrukturen. Es bildet sich aktuell eine neue Gesellschaft heraus, die das Verhältnis zwischen Staat und Bürger, zwischen Unternehmen und Konsumenten umformt. Der Arabische Frühling, die «Occupy Wallstreet»-Bewegung und der Slogan «We are the 99 %», das sind Ausdrücke dieses Paradigmenwechsels.

Wer ist verantwortlich für diese Krisen-Pluralität, von der wir täglich hören: Euro-Krise, Finanz-Krise, Schulden-Krise, Konjunktur-Krise etc.?

Fiechter: Der Erfolg hat bekanntlich viele Gesichter, so auch der Misserfolg respektive die Krise. Die kleinste Ebene des Wirtschaftssystems stellen wir Menschen als Konsumenten dar, die ihre Bedürfnisse befriedigen. Wir alle tragen also die Verantwortung mit für den desolaten Zustand, in der sich unsere Welt befindet.

Ihre Lösung heisst: Wir selber müssen die Wirtschaft in die Hand nehmen und sie ändern. Wie soll das konkret funktionieren?

Fiechter: Wir müssen uns unserer individuellen Verantwortung bewusst werden und zur Erkenntnis gelangen, dass man grundlegende Veränderungen selber herbeiführen muss und die Wirtschaft zu wichtig ist, um sie den Experten und Eliten zu überlassen. Wir müssen Selbstreflexion betreiben, Transparenz über unsere eigenen Bedürfnisse herstellen und einen kritischen Umgang mit den Unternehmen pflegen, bei denen wir einkaufen. Bei all diesen Tätigkeiten kann uns das Internet sehr nützlich sein.

Als Beispiel nennen Sie Carrotmob (siehe Box). Wie könnte dies z. B. die genossenschaftlich organisierte Migros verändern?

Fiechter: Carrotmob ist eine Bewegung, die durch Kaufakte die Unternehmen belohnt, welche sich im Sinne der Gemeinschaft positiv entwickeln. Es ist ein gutes Beispiel, wie die Kaufkraft der Kunden gebündelt wird, um ein bestimmtes Ziel der Kundengemeinschaft zu erreichen. Ähnlich ist die Konsumentenplattform «migipedia» angelegt. Hier können die Kunden die Produkte der Migros kommentieren, bewerten und weiterentwickeln. Migipedia geht in die richtige Richtung. Migros muss nur mehr Mut zeigen und diesen zukunftsweisenden Ansatz der Einbindung von Anspruchsgruppen viel konsequenter in allen Teilaspekten der Unternehmenssteuerung umsetzen.

Und der Dorfmetzger? Wird er auch tangiert sein von der neuen Wirtschaft, der Ökonomie 3.0, wie Sie sie bezeichnen?

Fiechter: Ja, eine Dorfmetzgerei weist eine hohe Interaktivität auf. In einer Dorfmetzgerei gehen die Menschen täglich ein und aus. Wenn sich die Menschen verändern, verändern sich auch deren Bedürfnisse und damit die Art und Weise, wie man als Unternehmen die Leistung zu erbringen hat. Auch ein Dorfmetzger darf nicht stur auf seinen alten Erfolgsrezepten beharren. Er muss in der Lage sein, den Wandel der Zeit zu erkennen und sich stets veränderungsbereit zeigen.

Generell: Welche Märkte werden in der Ökonomie 3.0 tangiert sein, evtl. verschwinden oder neu entstehen?

Fiechter: Die produzierenden Industrien aus allen Branchen werden tendenziell stärker unter Druck geraten. Sie werden sich immer mehr vom reinen Produzenten zum umfassenden Dienstleister transformieren müssen, weil deren Kernleistung, das Produkt, immer austauschbarer wird. In der Ostschweiz ist mit «IDEEkmu» ein interkantonales Projekt entstanden, das Unternehmen sensibilisieren soll, ihre Dienstleistungskompetenz stärker heranzubilden. Ich bin überzeugt, dass nicht nur der Dienstleistungsanteil bei den Produktionsunternehmen wachsen, sondern der Dienstleistungssektor generell grosse Wachstumsraten verzeichnen wird.

Was meinen Sie damit: Wir werden vermehrt Sinnangebote kaufen, also Produkte, die 1:1 unserer Identität entsprechen?

Fiechter: Wir besitzen im physischen wie auch im materiellen Bereich mehr als genug. Wir haben genug Nahrung, wir leben im Schutz der Witterung und haben zahlreiche Möglichkeiten, um unsere Lüste zu befriedigen. Bereits heute kaufen wir keine Hose, um nicht zu frieren, sondern um unseren modisch-ästhetischen Ansprüchen Rechnung zu tragen. Das Auto, das wir fahren, ist Ausdruck unserer Individualität und die Uhr, die wir tragen, ist mehr Statussymbol statt Werkzeug zur Zeitmessung. Wir laden viele Produkte emotional auf und kaufen nicht nur das, was wir zum Überleben brauchen, sondern das, was unseren Wünschen und Sehnsüchten entspricht. In der Ökonomie 3.0 werden wir als Kunden noch stärker in der Lage sein, Produkte zu individualisieren und 1:1 auf unsere Identität abzustimmen.

Kommt in der Ökonomie 3.0 also Mehrarbeit auf mich als Konsumentin zu?

Fiechter: In der Ökonomie 3.0 kriegen wir die einmalige Gelegenheit in der Wirtschaftsgeschichte, uns zu involvieren. Jeder Wirtschaftsteilnehmer kriegt eine Stimme. Er muss kein passiver Leistungsempfänger mehr sein, sondern kann ein aktiver Mitgestalter werden, der die Produktleistung nach seinen Bedürfnissen und Wertvorstellungen formt. Das ist keine Mehrarbeit, sondern gelebte Verantwortung.

Interview: Maya Schmid-Egert

«Die Wirtschaft sind wir!», Stämpfli Verlag und www.diewirtschaftsindwir.com




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