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Tagblatt Online, 01. September 2010 01:01:08

Schreiber mit dichterischer Ader

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Ein Stadt-St. Galler auf dem Land: Christoph Giger ist heute seit genau 20 Jahren Gemeinderatsschreiber im Weinbaudorf Thal. (Bild: Bild: Rudolf Hirtl)

Er fühlt sich pudelwohl in der Weinbaugemeinde, geht mit grosser Freude zur Arbeit und bezeichnet das Schreiben als seine Passion. Der Stadt-St. Galler Christoph Giger wurde heute vor 20 Jahren zum Gemeinderatsschreiber in Thal gewählt.

Rudolf Hirtl

«Heute würde ich wahrscheinlich nicht mehr gewählt werden», sagt Giger schmunzelnd und spricht damit den Umstand an, dass er ursprünglich aus dem Detailhandel kommt. Schon früh hat er sich weitergebildet und die Handelsschule mit dem technischen Kaufmann abgeschlossen. Zur Wahl in Thal stellte er sich denn auch nicht als Angestellter des Migrosmarkts im Neumarkt in St.

Gallen, wo er seine ersten Sporen abverdiente, sondern als Verwaltungsangestellter der Gemeinde Gaiserwald, wo er das Einwohneramt führte und als Sektionschef tätig war.

Grosse Aufgaben gemeistert

Nach seiner Wahl zum Thaler Gemeinderatsschreiber arbeitete er noch drei Monate mit seinem Vorgänger Hans Müller zusammen, absolvierte die Ausbildung zum Rechtsagenten und war in den folgenden zehn Jahren die rechte Hand von Gemeindepräsident Hans Schlegel.

Während dieser Zeit erfolgte auch der Wandel im Rathaus von vorsintflutlichen Schreibautomaten mit einer Art Floppydisk zum ersten vollwertigen EDV-System. «Die Entwicklung war gewaltig, es gab ja auch weder E-Mail noch Handy», erinnert sich Giger an die Anfangszeit zurück. Einer der grössten Brocken, den er als Gemeinderatsschreiber zu bewältigen hatte, war die Umsetzung zur Einheitsgemeinde. «Dies war schon Thema, als ich in Thal anfing. Es brauchte mehrere Anläufe und kam dann auch erst unter dem Präsidium von Robert Raths zustande.»

Auch die Erarbeitung der Orts- und Zonenplanrevision 1992, deren Vorbereitung über fünf Jahre dauerte, bezeichnet Giger als spannende, aber auch sehr intensive Zeit. Ähnlich in Erinnerung geblieben ist ihm auch die Lancierung des Seeuferweges, der das Rathaus-Team in ähnlichem Masse forderte. Der Aufgabenbereich des Schreibers hat sich laut Giger geändert.

Früher war dieser vor allem Generalist und Aktuar in x Kommissionen, heute ist er die Stabsstelle für Gemeinderat und Verwaltung und hält dem Gemeindepräsidenten den Rücken frei, damit dieser genügend Gelegenheit hat, den Kontakt mit Einwohnerschaft, Behörden oder Firmen aufrechtzuerhalten.

Mit dem Anstieg der Bevölkerungszahl von 5500 auf über 6200 ist auch die Anzahl Beschäftigter im Thaler Rathaus gestiegen.

Die Dominanz der Männer hat sich aber kaum verändert, auch heute sind alle leitenden Positionen mit Männern besetzt.

Keinesfalls männerspezifisch

Auch Gemeinderatsschreiberinnen sind in der Region nur wenige auszumachen. Die Vermutung, dass dies an den Launen von Gemeindepräsidenten liegen könnte, wehrt Giger lachend ab. Ernsthaft zu erklären sie dieser Umstand nicht, zumal der Job keinesfalls männerspezifisch sei. Der Wechsel im Gemeindepräsidium vor elf Jahren brachte frischen Wind ins Rathaus.

Ohne wertend sein zu wollen, sagt Giger: «Hans Schlegel hat sich eher als Verwalter verstanden, Robert Raths hat eine unternehmerische Note in die Gemeindeführung gebracht.»

Besonders negative Erlebnisse aus den vergangenen 20 Jahren kann Giger konkret nicht nennen. Ihm fällt aber auf, dass sich die Menschen heute viel eher über kleine Dinge aufregen können.

Würde etwa in den Ferien in Spanien weder warmes noch kaltes Wasser aus der Dusche laufen, so sei dies kein Beinbruch. Doch wenn in Haushalten der Gemeinde nur mal für kurze Zeit kein Wasser laufe , dann sei die Aufregung riesig. «Wir haben in der Schweiz einen extrem hohen Standard, der als selbstverständlich eingefordert wird. Es wäre schön, wenn die Leute vor allem bei kleinen Störungen etwas mehr Geduld und Verständnis zeigen würden.»

Schreiben ist nicht nur eine seiner Hauptaufgaben, es ist dies, was er am liebsten macht; auch privat. «Gedichte schreiben ist meine Passion», so Giger, der früher in Abtwil an der Fasnacht als Schnitzelbänkler aktiv war. In Thal hat man ihn so noch nicht erlebt. «Hier hat es andere, die das sehr gut machen, da muss ich mich nicht auch noch einbringen.» Waren seine ersten Verse ein Liebesgedicht für seine Frau Claudia? Diese Frage lässt er mit einem herzlichen Lachen offen.

Präsidialamt lockt nicht mehr

Im November 1988 liess sich Giger als Kandidat für die Wahl des Gemeindepräsidenten aufstellen, verzichtete aber auf den zweiten Wahlgang; gewählt wurde bekanntlich Robert Raths. «Ich wollte mir später nicht selbst den Vorwurf machen müssen, es nicht wenigstens versucht zu haben», kommentiert Giger seine damaligen Ambitionen. «Im nachhinein muss ich sagen, es stimmt so, wie es nun ist. Ich würde mich heute nicht mehr um die Position bemühen. Gemeinderatsschreiber ist der richtige Job für mich.

» Und seine Bilanz, wenn er die vergangenen 20 Jahre Revue passieren lässt? «Ich würde alles nochmals gleich machen», versichert er.





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