Tagblatt Online, 08. Februar 2012 01:04:04
Lobbyisten der Rheintaler Wildtiere
Alfred Kuster als Wildtier-Lobbyist an der Rhema 2008 in Altstätten. (Bild: Archiv/hrw)
Morgen feiert der Verein Lebensraum Rheintal im Widnauer «Hecht» sein 30-jähriges Bestehen. Im Interview blickt Präsident Alfred Kuster, eidg. dipl. Förster, Diepoldsau, in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Lebensräume für wildlebende Tiere und Pflanzen im Rheintal.
Alfred Kuster, warum haben sich damals, 1982, die Rheintaler Jagdgesellschaften, Fischereivereine und Naturschutzvereine zusammengeschlossen?
Alfred Kuster: Auch der Forstverein Werdenberg-Rheintal gehört zu uns. Gegründet wurde unser Verein vor 30 Jahren von den Naturschützern und den Jägern, welche mit Sorgen die Verschlechterung der Lebensräume und die Abnahme der Artenvielfalt in der Rheinebene beobachteten. Die Förster und die Fischerei kamen später dazu. Heute ist unser Hauptzweck der Austausch und die Kontaktpflege untereinander, die Vertretung der gemeinsamen Interessen, die Weiterbildung und die Information der Mitglieder. Zudem organisieren wir öffentliche Anlässe, meistens in Form von Vorträgen.
Lediglich ein Drittel der Mitglieds-Organisationen sind dem Naturschutz verpflichtet. Zwei Drittel sind Jagd- und Fischerei-Gesellschaften. Warum ist die Verteilung so einseitig?
Kuster: Die Verteilung ist nicht einseitig. Das hat damit zu tun, dass die Jagdgesellschaften im Durchschnitt nur rund sechs Mitglieder haben, während die Naturschutzvereine viel grösser sind.
Sind auch der Vorstand und die Politik jagd- und fischereibetont?
Kuster: Nein. Im Vorstand sind Naturschutz, Forst, Jagd und Fischerei vertreten. Wir haben keine Zauberformel, sondern schauen, dass wir möglichst von jedem Bereich Vertreter im Vorstand haben. Prioritär ist, dass wir gute Leute für den Vorstand finden, die sich für die gemeinsamen Interessen einsetzen.
Lebensraum Rheintal vertritt die wildlebenden Tiere und Pflanzen im Rheintal. Welches Anliegen von Tieren und Pflanzen hat sich neulich dank Ihrem Verein erfüllt?
Kuster: Die Ilgen (Schwertlilien) erhalten wieder mehr Platz zum Leben – durch unsere Feldveranstaltung in St. Margrethen für Mitglieder und die Gemeindeverantwortlichen. Wir haben dort gezeigt, welche Probleme die pflanzlichen Neubürger (Kasten) verursachen und wie sie bekämpft werden können. Zudem haben wir das Neophyten-Konzept des Vereins St. Galler Rheintal initiiert. Im Weiher Bovel in Diepoldsau kann die Erdkröte wieder laichen – wir haben Beiträge an verschiedene Naturschutzprojekte unserer Mitgliedsvereine bezahlt. Im Vortrag vom Januar zum Thema «Lebendiger Alpenrhein» ist vielen Zuhörern bewusst geworden, wie enorm wichtig es ist, den Rhein naturnäher zu gestalten.
Sie veranstalten vor allem Anlässe?
Kuster: Lebensraum Rheintal ist nicht primär draussen tätig. Dies machen unsere Mitglieder schon sehr gut. Unsere Rolle als Dachverband ist eher die eines Lobbyisten.
Geht es den Wildtieren heute eher besser oder eher schlechter als bei der Vereinsgründung 1982?
Kuster: Es kommt darauf an wo. Im Landwirtschaftsland hat eine gewisse Extensivierung stattgefunden. Das ist eine spürbare Verbesserung. Andererseits sind die Siedlungen im Rheintal stark gewachsen. Das hat zu einer Verkleinerung der Wild-Lebensräume geführt. Im Mittel- und Unterrheintal ist durch die Bautätigkeit eine Trennung von Berg- und Tallebensräumen geschehen. Dank unserer aktiven Mitgliedsvereine sind zahlreiche Tümpel und Hecken entstanden. Dies kommt vielen Wildtieren zugute. Bei den Fischen ist leider eine markante Abnahme der Artenvielfalt und der Anzahl seit 1982 festzustellen.
Welches waren die Schwerpunkte in der Vereinsarbeit im letzten Jahr?
Kuster: Die Informationsarbeit über invasive Neophyten, also nicht einheimische, problematische Pflanzenarten.
Was sind die Glanzpunkte des Vereins in den letzten 30 Jahren?
Kuster: Viele öffentliche Vorträge, die den Zuhörern die Natur nähergebracht haben. Die grosse Rhema-Sonderschau im Jahr 2008. Die Mitarbeit beim Landschafts-Entwicklungskonzept sowie viele gelungene Feldveranstaltungen mit hochinteressanten Themen.
Wie gross ist das Jahresbudget des Vereins Lebensraum Rheintal etwa – und wer kommt dafür auf?
Kuster: Je nach Aktivitäten beträgt unser Budget zwischen drei- und fünftausend Franken. Dafür kommen vor allem unsere Mitglieder auf mit ihren Beiträgen. Wir erhalten auch noch einen namhaften Beitrag vom Verein St. Galler Rheintal.
Was sind die aktuellen Themen des Vereins?
Kuster: Wir begleiten das Neophyten-Projekt des Vereins St. Galler Rheintal und arbeiten mit bei der ökologischen Aufwertung des Gebietes Warmesberg in Altstätten.
Wie stellt sich Lebensraum Rheintal zum Projekt Bodenverbesserung (mit Rheinletten) im Riet?
Kuster: Wir haben bisher keine offizielle Stellungnahme dazu abgegeben. Ich kann daher nur für mich selbst reden. Ich erkenne das Problem der Landwirtschaft mit der Bodensenkung und sehe eine gewisse Notwendigkeit von Massnahmen. Diese dürfen sich aber nicht nur auf eine Auffüllung mit Letten beschränken, sondern müssen auch eine Extensivierung gewisser Parzellen beinhalten. Ich bin der Ansicht, dass es nach dem Pilotprojekt in Marbach ein Konzept braucht, wo klar definiert ist, wo was zu machen ist.
Interview: René Schneider
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