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Tagblatt Online, 11. Oktober 2011 08:23:00

Die «mega-glückliche» Strahlefrau

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Patricia Mattle: mit 26 bereits im elfköpfigen Präsidium der CVP Schweiz. (Bild: pd)

ALTSTÄTTEN. Patricia Mattle wirkt unbeschwert. Aber die 26-jährige CVP-Nationalratskandidatin aus Altstätten, die es gesellig mag, kann sich ereifern. Sie sagt: «Mit Extrempositionen bleibt man stehen.»

GERT BRUDERER

Wer die drei Buchstaben CVP unweigerlich mit Familie in Verbindung bringt, kann bei Patricia Mattle ein Klischee bestätigt sehen: Obschon sie in Winterthur arbeitet, in Zürich ein Zimmer hat und sich regelmässig in Bern aufhält (wo ihr Patenkind Sophie-Patricia Meyerhans, die Tochter des Preisüberwachers, aufwächst), ist sie häufig daheim bei den Eltern. Jedes Wochenende sieht sie hier die drei Geschwister, und am Sonntagabend kommt es regelmässig zur grossen Diskussion mit Mutter Margrit, der Altstätter Vize-Stadtpräsidentin. Das Thema: der öffentliche Verkehr. Patricia Mattle ärgert sich über vieles – den Nachtzuschlag, das ungenügende Rollmaterial, den Mangel an Benutzerfreundlichkeit. Mit dem ernüchternden Fazit: «Der öffentliche Verkehr im Rheintal ist nur peinlich. Jeder Zürcher, der sich ins Rheintal begibt, bekommt einen Lachanfall.»

«Uh-cooler Job»

Ereifert sich die junge Betriebswirtschafterin (mit Handelslehrerdiplom), die bei einer grossen Versicherungsgesellschaft als Assistentin der Geschäftsleitung tätig ist, so kann es sein, dass sie plötzlich nach oben blickt und unwillkürlich mit den Augen zwinkert. Oder in nonverbale Hektik verfällt und am Ohr herumnestelt. Auch wenn sie ganz entspannt Erfreuliches berichtet. Früher, lacht sie, habe sie gedacht: Bloss nie zu einer Bank oder einer Versicherung. Dabei hat sie nun einen «uh-coolen Job», ist sie «mega-glücklich», auch dank ihrer «mega-spannenden, mega-vielfältigen» Tätigkeit. Die Lust zu verbalem Verstärken keimt ab und zu auf und flaut unter Umständen erst nach ein paar Sätzen ab. Drauf angesprochen, meint die junge Frau, zu deren bevorzugtem Vokabular auch «absolut» gehört: In Zürich lachten immer alle, wenn sie «ännig» sage, oder «tutsch».

In der Partei steil aufgestiegen

Warum strebt Patricia Mattle direkt Höheres an, ohne Umweg über die Kantonsratswahlen und ohne besonderen Leistungsausweis? Für das Kantonsparlament habe sie nicht kandidiert, weil sie 2008 mitten in den Prüfungen für ihren Uni-Abschluss gesteckt und schlicht keine Zeit gehabt habe, lautet die Erklärung. Doch innerhalb ihrer Partei, für die sie sich früh entschied, hat es die Tochter des früheren «Volkszeitungs»-Chefredaktors und heutigen Mittelschul-Amtsleiters weit gebracht.

Seit April 2008 ist sie Mitglied des elfköpfigen Präsidiums der CVP Schweiz, zuvor hatte sie die St. Galler Jung-CVP präsidiert und eifrig mitgeholfen, Thomas Müller einen Nationalratssitz zu sichern, was sie heute zünftig nervt. «Man geht nicht in eine andere Partei und nimmt den Sitz einfach mit», wie Müller das bei seinem Wechsel von der CVP zur SVP getan hat. «Das geht einfach nicht.» Die Altstätter Kandidatin, die bei den Nationalratswahlen 2007 als damals 22-Jährige fast 4100 Stimmen erreicht hat, kommt rasch in Fahrt, das sei niveaulos, «macht man einfach nicht»; schliesslich fällt der Begriff «unterste Schublade». Und dann, wie auf Knopfdruck, ist die Schimpftirade vorbei und die Ruhe zurückgewonnen.

Ministrieren: «Coole Erfahrung»

In solchen Momenten wirkt Patricia Mattle wie eine Vollblutpolitikerin. Sie rechnet sich dem wirtschaftsliberalen Flügel zu, insofern könnte sie sich auch bei der FDP wohl fühlen, doch sie habe ihre Zugehörigkeit zur CVP noch nie bereut. Denn ihre Partei habe brauchbare, lösungsorientierte Positionen: «Nur so geht es, nur so kann das Land sich weiterentwickeln.» An die AHV mag sie nicht denken. «11 Jahre für nichts und wieder nichts», bemängelt sie die schweizerische Politik. Das sei schon fast die Hälfte ihres Lebens.

Engagiert und vielseitig interessiert ist Patricia Mattle von klein auf. Mit 4 Jahren begann der Musikunterricht. Zuerst Handorgel, dann Geige, in der Kantizeit zudem Klavier. Sie war im Ballett, im Blauring Hilfsgruppenleiterin. Zehn Jahre ministrierte sie, was sie als «coole Erfahrung» bezeichnet, als schöne Zeit in Erinnerung hat. Sie sagt: «Würde ich jedem empfehlen.»

Nein, streng gläubig sei sie nicht, aber «Religion bedeutet mir einiges», was eine kritische Haltung natürlich nicht ausschliesse. Auch das Tun der CVP, bemerkt die Nationalratskandidatin, stelle sie gelegentlich in Frage, zuletzt den Armeeentscheid. Sie mag nicht verstehen, wie man eine zusätzliche Milliarde bewilligen kann. In der CVP sei es zum Glück möglich, solches Unverständnis auszudrücken.

Aufgeschlossen und offen

Was Patricia Mattle besonders wichtig ist? «Offen zu sein», lautet die Antwort, «andern wertungsfrei zu begegnen.» Das deckt sich mit Aussagen anderer. Sogar ein Mitglied einer anderen Partei bescheinigt der Konkurrentin Aufgeschlossenheit und Offenheit. Hat sie noch Zeit für Hobbies? «Ja, die Politik, ha ha», entgegnet sie ein wenig amüsiert, aber «s' Läbe isch jo luschtig», also soll man es au «echli gnüsse». Nähme sie alles todernst, fügt sie hinzu, wäre sie wohl auch nicht in der Politik. Sie mag das Sonnenbräu-Lied, war diesen Sommer am Brauifäscht und spielt mit dem Gedanken, dem Sonnenbräu-Fan-Club beizutreten. Erstens «rentiert's», zweitens «ist's lustig». Die Geselligkeit, das Ausgehen mit Freunden, mag Patricia Mattle. Dass sie Single ist, war selbst im «Blick» zu lesen, letzten Frühling. Und sie lacht: «Mein neuer Freund heisst Wahlkampf.» Damit ist es ihr auch wirklich ernst. In einem Interview bemerkte sie: «Viele ältere Nationalräte sitzen auf ihren Sesseln, statt uns Jungen Platz zu machen. Das ist ein Riesenproblem.»




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