Direkte Links und Access Keys:

Tagblatt Online, 03. September 2010 01:02:52

365 Tage offen: Nicht nur Vorteile

Zoom

Maria Kägi hat ihr Sortiment den Wünschen ihrer Kundschaft angepasst. (Bild: Bild: Susi Miara)

Wer in Widnau nach 19 Uhr einkaufen will, geht ins «Go Poschta». Maria Kägi kann mit ihrem kleinen Lebensmittelladen nur deshalb überleben, weil sie auch dann noch arbeitet, wenn Einkaufszentren geschlossen haben.

Frau Kägi, Sie haben vor zwei Jahren den Laden an der Poststrasse in Widnau übernommen. Hatten Sie in der Zeit des «Lädelisterbens» keine Bedenken?

Maria Kägi: Ich habe das Geschäft vollständig umgebaut und viel investiert. Bei normalen Öffnungszeiten wäre ich ein grosses Risiko eingegangen. Ich wollte kein «Russisches Roulette» spielen, sondern ein Geschäft aufbauen. Deshalb habe ich ein eigenes Konzept entwickelt. «Go Poschta» hat an 365 Tagen von 6 bis 21 Uhr (am Sonntag von 7 bis 21 Uhr) offen.

Und so haben Sie eine Marktlücke entdeckt?

Kägi: Ich sehe es nicht als Marktlücke. Die Tankstellenshops zum Beispiel bieten auch Lebensmittel und ähnliche Produkte wie wir an. Ich habe meine persönlichen Bedürfnisse analysiert. Bevor ich mich selbständig gemacht habe, war ich auch angestellt und hatte meistens abends Probleme, wenn ich noch etwas einkaufen wollte. Die Einkäufe für die ganze Woche waren auch nicht das Ideale, weil man oft Lebensmittel wegwerfen musste.

Sie dachten also, dass auch andere Frauen und Männer die gleichen Probleme haben?

Kägi: Heute stehen eigentlich die meisten unter Stress. Es muss alles schnell gehen. Man möchte direkt vor ein Geschäft fahren, das Brot, Gemüse und die Milch kaufen und schnell wieder raus. Das waren meine Gedanken. Mit der Zeit habe ich dann schnell gespürt, was die Leute wollen, und das dann auch umgesetzt. So konnten wir nach und nach die Bedürfnisse meiner Kunden abdecken.

Es gibt aber sicher auch Nachteile. Wie sieht es mit Personal aus? Viele möchten nicht am Abend und am Wochenende arbeiten.

Kägi: Wir haben überhaupt keine Probleme mit den Mitarbeitenden. Wir beschäftigen elf Verkäuferinnen, davon arbeiten zwei 100 Prozent, zwei sind in der Lehre, und die restlichen arbeiten Teilzeit. Gearbeitet wird in zwei Schichten zu je achteinhalb Stunden.

Wichtig ist, dass bereits beim Bewerbungsgespräch klar kommuniziert wird, dass auch am Sonntag gearbeitet wird und nicht immer die gleichen den Dienst machen müssen. Übrigens gibt es viele Branchen, wie Gastronomie, Spitäler oder Tankstellen, die ebenfalls am Abend und am Wochenende arbeiten.

Die Gewerkschaften sind trotzdem gegen längere Öffnungszeiten.

Kägi: Ich glaube, dass Öffnungszeiten bis 20 Uhr für die grossen Einkaufszentren nicht allzu viel bringen würden. Wer am Abend einkaufen geht, für den muss es schnell gehen. Wenn man zuerst einen Parkplatz suchen muss, dann durch das ganze Einkaufszentrum hetzt, bis man die wenigen Lebensmittel, die man braucht, findet, ist schnell eine halbe Stunde vorbei. Das ist aber genau das, was Berufstätige nicht wollen.

Die meisten Ihrer Kunden machen aber den Grosseinkauf im Einkaufszentrum und holen bei Ihnen nur noch das, was fehlt.

Kägi: Ja, und es stört uns überhaupt nicht. Ich sage sogar meinen Kunden, sie sollen den Grosseinkauf im Einkaufszentrum machen und in unserem Laden das, was sie zusätzlich brauchen oder vergessen haben. Bei der jüngeren Kundschaft kommt dazu, dass sie nach dem Lustprinzip lebt. Wer zum Beispiel am Samstagabend noch Lust auf ein Raclette hat oder eine Wurst grillieren möchte, hat heute die Möglichkeit, sich dies zu besorgen. Oft höre ich auch, dass dank uns viel weniger weggeworfen wird. Man kauft weniger ein, weil man weiss, dass es möglich ist, auch am Wochenende einzukaufen. Preislich können wir aber mit den «Grossen» nicht konkurrieren.

Dann spielt also der Preis keine so grosse Rolle mehr?

Kägi: Zuerst muss man wissen, dass wir «Kleinen» andere Einkaufspreise haben als die «Grossen». Somit sind auch die Preise etwas höher. Bei vielen steht der Preis aber nicht mehr im Vordergrund. Ich versuche natürlich, mit fairen Preisen zu arbeiten.

Ihr Engagement ist gross. Leidet Ihr Familienleben nicht darunter?

Kägi: Doch. Dass mein Konzept aber so aussergewöhnlich ist, realisiere ich erst jetzt. Heute haben wir ein eingespieltes Team, das harmonisch und gut zusammenarbeitet.

Interview: Susi Miara





Leser-Kommentare:
keine


Zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden.

Kommentar schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!

Um Inhalte kommentieren zu können, müssen Sie eingeloggt sein.

Noch keinen Zugang? Jetzt kostenlos registrieren!

Anzeige:

Anzeige:

Anzeige:

Anzeige:

tagblatt.ch / apps

facebook.com / tagblatt

 ...

Anzeige: