Tagblatt Online, 25. Januar 2010 01:02:30
Erlenzeisige statt Meisen
Gäste aus Polen: Erlenzeisige (hier Männchen) trifft man diesen Winter häufiger an unseren Futterstellen. (Bild: Bild: Gernot Grabher)
Vogelfreunde sind beunruhigt über die geringe Zahl gefiederter Wintergäste – vor allem über den Rückgang der Meisen. Jedoch sind Erlenzeisige und Distelfinken häufiger geworden.
Gernot Grabher
Auffällig viele Meldungen über einen drastischen Rückgang der winterlichen Vögel – vor allem der Meisenarten – registriert die Vogelwarte in Sempach. Tatsächlich hätten Brutbestandserhebungen auf Probeflächen in der Schweiz für 2009 bei einigen Arten sehr niedrige Zahlen ergeben, bestätigt der Sempacher Experte Hannes von Hirschheydt – etwa bei der Schwanzmeise. Möglicherweise fänden die Vögel in den Wäldern genug Nahrung.
Im letzten Spätsommer und Herbst bereits hatten die Schweizer Beringungsstationen nur wenige Meisen gefangen – im Gegensatz zu «Invasionsjahren», in denen sie zu Tausenden auftreten.
Nässe vernichtete Jungmeisen
«Auf meinem Schreibtisch stapeln sich die Anfragen wegen der wenigen Wintergäste. Die Vogelfreunde im Bodenseeraum sind beunruhigt», sagt Peter Berthold, Leiter der dem Max-Planck-Institut angegliederten Vogelwarte Radolfzell. Das Institut untersucht seit Jahrzehnten den Vogelzug und dessen Veränderungen durch die Klimaverschiebung.
«Vor allem die Kohl- und Blaumeisen sind in diesem Winter dramatisch zurückgegangen», erklärt Professor Berthold – schätzungsweise sind es noch 10 Prozent gegenüber dem letzten Winter. Der Wissenschafter nennt die wahrscheinlichste Ursache: «Der Bruterfolg der Meisen war 2009 gut, dann aber kam der verregnete Juli, bis in den August hielt das nasse Wetter an.
Dadurch verendeten Zehntausende der gerade flügge gewordenen Jungvögel.» Schuld könnte aber auch ein Virus sein – wie vor einigen Jahren bei der Seuche, die ein Amselsterben auslöste.
Dafür Erlenzeisig und Distelfink
Hingegen nutzen in den letzten Wochen auffällig viele Erlenzeisige die Futterspenden in den Hausgärten. Die Erlenzeisige, die Männchen intensiv gelb mit glänzend schwarzem Käppchen, weisen in unseren Breiten nur geringe Brutbestände auf, an den Futterhäuschen und Meisenknödeln sind sie in diesem Winter jedoch unverhältnismässig häufig zu sehen. «Sie kommen aus Polen oder sogar aus Sibirien», erklärt Berthold. Wegen der chaotischen Schneefälle in Norddeutschland wären sie in ihren angestammten Winterquartieren verhungert und mussten weiter südwärts ziehen als in normalen Jahren.
Eine bunte «Neuerscheinung» an den Futterplätzen sind seit einiger Zeit die Distelfinken. «Vor 25 Jahren waren sie noch reine Zugvögel und im Winter alle weg», sagt Berthold. «Vor 20 Jahren war ein Trupp bei uns überwinternder Distelfinken noch eine Sensation.» Langsam wurden sie zu Teilziehern, von denen dank menschlicher Unterstützung die meisten auch die kalte Jahreszeit nördlich der Alpen überleben. Auch profitieren sie generell von der Klimaverschiebung. «Wenn das noch 30 Jahre so weitergeht», sagt Berthold, «werden die Distelfinken alle nicht mehr wegziehen.»
Ein Risiko besteht allerdings für die neuen «Dableiber»: Ein Ausnahmewinter mit hoher Schneedecke und extrem tiefen Temperaturen könnte sie dahinraffen.
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