Tagblatt Online, 17. September 2009 01:02:17
Religion ist im familiären Leben sehr präsent
Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion, von links: Christoph Klein (katholischer Christ), Birgit Baayou (Muslima), Svetlana Eric (orthodoxe Christin,) Jens Mayer (Stellenleiter Kirche im Dialog), Rina Messikommer (Jüdin), Annelies Bösch (evangelische Christin). (Bild: Bild: Andrea Plüss)
Im Rahmen der interreligiösen Dialog- und Aktionswoche (ida) fand am Dienstag eine Podiumsdiskussion über die Stellung der Religion im Schweizer Familienalltag statt. Christen verschiedener Konfession diskutierten mit einer Muslima und einer Jüdin.
Andrea Plüss
Altstätten. Ursprünglich war der Diskussionsabend unter dem Titel «Der Stellenwert der Familie in den verschiedenen Religionen» angekündigt worden. In den Vorgesprächen mit den Podiumsteilnehmern hätte sich aber herausgestellt, dass eher die Praxis als die Theorie erläutert werden sollte, erklärte Moderator Jens Mayer (Stellenleiter Kirche im Dialog). Fünf Vertreter unterschiedlicher christlicher Denominationen, ei- ne Muslima sowie eine Jüdin berichteten in der Folge über die Bedeutung ihrer
Religionen im Familienalltag, religiöse Aspekte in der Kindererziehung und die Möglichkeiten, die eigene Religion im Schweizer Alltag zu leben.
Ohne zwanghafte Konsequenz
Alle Teilnehmer leben ihre Religion auf unterschiedliche Weise und mit verschiedenen kleineren Ritualen im Familienalltag: Beten, Fasten, Bekreuzigen, Grüssen der Mesusa (jüdischer Brauch), Salem-Aleikum-Gruss, Gesang vor dem Essen, das Vaterunser… allerdings nicht mit zwanghafter Konsequenz.
Die 16-jährige Tochter der Muslima Birgit Baayou fastet jetzt im Ramadan, hört abends Koran-CDs und findet im Glauben Halt, während die 12-jährige Schwester sich weniger an die Regeln hält. Mit sieben Jahren werden Kinder im muslimischen Glauben an das Beten und Fasten, das ab der Pubertät Pflicht ist, herangeführt. Ein Kopftuch werden die Mädchen wohl nicht tragen, meint Baayou, was für sie und ihren Mann aber kein Problem darstelle.
Die strengen Speisevorschriften gestalten den Alltag von Svetlana Eric (orthodoxe Christin) und Rina Messikommer (Jüdin) in gewissem Mass schwierig. Wichtig sei, die Kinder früh an die religiösen Vorschriften heranzuführen, dann ginge es leichter.
Erziehung Sache der Mütter
Verantwortlich für die religiöse Erziehung der Kinder seien überwiegend die Mütter, erklärten die Frauen. Allen Teilnehmern ist es ein Anliegen, ihre Kinder in ihrem religiösen Glauben zu erziehen.
Die Ausübung von Zwang wird jedoch abgelehnt. Wenn eines ihrer Kinder nicht hätte konfirmiert werden wollen, wäre dies von Annelies Bösch akzeptiert worden, genauso wie die Tatsache, dass die Söhne von Rina Messikommer trotz der Sabbatruhe am Samstag an Musikauftritten teilnehmen oder wenn Christoph Kleins Kinder mal nicht in den Gottesdienst gehen wollen.
Ohne Kompromisse geht es nicht
Kompromisse im Alltag, vor allem im schulischen, müssten sie schon machen, erklärten Messikommer, Eric und Baayou, aber es fände sich in der Regel immer eine Lösung, zum Beispiel bei der Verpflegung auf Schulreisen oder bei Sporttagen. In der Ausübung ihrer Religion fühlen sich die Gesprächsteilnehmer in der Schweiz nicht eingeschränkt. Man versuche, hier das Bestmögliche umzusetzen, so Rina Messikommer, die früher drei Jahre in Israel gelebt hat. Ihre Kinder «glaubenslos» in Lebensfragen zu erziehen, wie es Jens Mayer formuliert, scheint den Anwesenden schwer bis gar nicht vorstellbar. Messikommers Kinder sind mittwochs in St. Gallen beim jüdischen Unterricht, Svetlana Erics Kinder besuchen die Veranstaltungen der serbischen Einrichtung in Altstätten.
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