Tagblatt Online, 22. November 2011 06:35:00
Wird der eigene Arzt zu teuer?
Dr. med. Matthias Knierim ist Mitglied des Ärztenetzwerks gesundes Rheintal. (Bild: Susi Miara)
Das «Ärztenetzwerk gesundes Rheintal» beteiligt sich an der nationalen Unterschriftensammlung gegen die Managed-Care-Vorlage. Dr. med. Matthias Knierim aus Rebstein erklärt, worum es bei dieser Vorlage geht und wer die Verlierer sind.
Herr Knierim, warum engagiert sich das Ärztenetzwerk gesundes Rheintal gegen die Managed-Care-Vorlage?
Matthias Knierim: Weil wir der Ansicht sind, dass dies der falsche Weg ist. Wir denken, die Budgetverantwortung, die die Ärzte übernehmen sollen, ist mit dem ärztlichen Handeln nicht vereinbar. Ausserdem sind wir dagegen, dass die Patienten durch finanzielle Bestrafung gezwungen werden, zu den Ärzten mit Budgetverantwortung zu gehen. Dies würde zur Einschränkung der freien Arztwahl führen. Wenn die Ärzte des Netzwerks gesundes Rheintal nicht mitmachen, konkret keine Verträge mit Budgetverantwortung abschliessen, würde das dazu führen, dass Patienten, die sich das nicht leisten können, gezwungen werden, in Arztpraxen zu gehen, die solche Verträge abschliessen. Wir möchten nicht, dass sich unsere Patienten aus finanziellen Gründen etwas anderes suchen müssen.
«Freie Arztwahl für alle» ist ein Slogan für das Referendum. Viele Rheintalerinnen und Rheintaler sind in einem HMO- oder Hausarztmodell. Was ändert sich für sie?
Knierim: Wenn die KVG-Revision angenommen wird, werden solche Modelle vermutlich nach und nach verschwinden. Wenn wir es ablehnen, Patienten für einen Pauschalbetrag zu behandeln und der Patient 500 Franken jährlich mehr nicht bezahlen kann oder will, könnte es passieren, dass bis zu 70 Prozent unserer Patienten zu Ärzten mit Budgetverantwortung abwandern. Das ist dann aber nicht nur mein Problem. In Zeiten, in denen wir immer weniger Hausärzte im St. Galler Rheintal haben, könnte es auch für die Patientinnen und Patienten ein Problem werden.
Wie viel mehr muss man bezahlen, wenn man sich dann für die freie Arztwahl entscheidet?
Knierim: Wer mitmacht, zahlt weniger. Für Versicherte, die ein Ärzteteam mit Budgetverantwortung wählen, bleibt der Selbstbehalt bei zehn Prozent. Die Obergrenze, ab der die Krankenkasse die Kosten ganz übernimmt, wird von 700 auf 500 Franken gesenkt. Wer nicht mitmacht, muss mehr zahlen. Für diejenigen, die ihren Arzt weiterhin frei wählen möchten, erhöht sich der Selbstbehalt von 10 auf 15 Prozent und die Obergrenze von 700 auf 1000 Franken.
Im Rheintal haben wir zwei Netzwerke, das Ärztenetzwerk gesundes Rheintal und das Ärztenetzwerk Rheintal, RhyMed. Heisst das, dass ich zu jedem beliebigen Arzt dieses Netzwerks auch in Zukunft gehen kann und vom Preisvorteil profitiere?
Knierim: Wenn das Netzwerk des Hausarztes mit der Krankenkasse einen Vertrag abgeschlossen hat, der die Budgetverantwortung beinhaltet, kann der Patient innerhalb dieses Netzwerkes behandelt werden. In so einem Netzwerk werden wohl auch Spezialisten sein und sich dann gegenseitig die Patienten zuweisen.
Die Netzwerke übernehmen eine Budgetverantwortung. Was bedeutet das?
Knierim: Das Netzwerk schliesst mit der Krankenkasse einen Vertrag ab. Im Voraus wird geschätzt, welche Kosten sämtliche in einem Ärztenetz Versicherten verursachen werden. Wenn die Kosten tiefer ausfallen als budgetiert, teilen sich die Krankenkasse und das Ärztenetz den Gewinn. Sind die Kosten höher, teilen sie den Verlust. Das bedeutet, dass ich mir als Arzt, bevor ich eine Entscheidung treffe, überlegen muss, wie ich mit den Kosten dastehe. Wir sind der Ansicht, dass wir Ärzte uns nicht auch noch damit belasten sollten. Wir müssen darauf schauen, dass wir die medizinische Entscheidung korrekt treffen und nicht noch Angst haben, dass wir etwas aus eigener Tasche bezahlen müssen, weil wir dem Patienten mehr medizinische Leistung gegönnt haben.
Ärztenetzwerke werden in Zukunft auch mit Spitälern und Heimen Exklusivverträge abschliessen. Was, wenn ich dort nicht behandelt werden möchte?
Knierim: Wie das gehandhabt wird, weiss ich nicht genau. Ein Ärztenetz wird aber bestimmt Verträge mit Spitälern, Alters- und Pflegeheimen abschliessen. Dann werden sich wohl die Versicherten dieses Netzes in diesen Institutionen behandeln lassen müssen.
Und wenn ich mit den Leistungen eines Netzwerkes nicht zufrieden bin, kann ich einfach ein anderes suchen und wechseln?
Knierim: So einfach wird es nicht gehen. Soweit ich informiert bin, möchten die Krankenkassen mit Netzwerkversicherten Verträge über bis zu drei Jahren abschliessen. Wer vor Ablauf dieser Frist die Kasse wechseln will, muss eine Austrittsprämie zahlen.
Fürchten Sie, das Ärztepraxen schliessen werden, weil ihnen die Patienten aus Kostengründen davonlaufen?
Knierim: Ich bin sicher: Wenn diese KGV-Revision umgesetzt wird und wir standhaft bleiben, werden wir einen grossen Anteil der Patienten verlieren. Man wird sich dann fragen müssen, woher die Ärzte kommen, die die Patienten behandeln, die von uns weggehen. Ob dann die Kapazitäten vorhanden sind, um allen Patienten die entsprechende Behandlung anzubieten, weiss ich nicht.
Haben Sie einen besseren Vorschlag, um Kosten zu sparen?
Knierim: Ich denke, dass man mit diesem Vorschlag keine Kosten spart. Die Netzwerke werden mehr Verwaltungskosten generieren. Kosten sparen können Netzwerke dann, wenn sie das Budget niedrig setzen. Das heisst, dass sie pro Patient die Leistung immer mehr nach unten fahren. Das ist eine Rationierung. Aus meiner Sicht gehört die Rationierung nicht in die ärztliche Tätigkeit. Wenn wir uns unser Gesundheitswesen nicht leisten können, muss politisch entschieden werden, wie rationiert wird, nicht aber über die Ärzte.
Interview: Susi Miara
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