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Tagblatt Online, 28. Dezember 2011 01:04:00

Dreisten Velodieb spektakulär gefasst

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René Burkhard (rechts) ist froh über den Zusammenhalt im Kollegenkreis. Das Vertrauen gegenüber der Kundschaft hat er nicht verloren, wenn er auch in Zukunft vorsichtiger sein wird. (Bild: Monika von der Linden)

Am Montag wurde in Sevelen ein Mann festgenommen, der wohl für etliche Betrügereien verantwortlich gemacht werden kann. Er wurde mit einem Velo angetroffen, das ziemlich sicher René Burkhard vom Velo-Hangar in Diepoldsau gehört. Er wurde auch um ein Velo betrogen.

MONIKA VON DER LINDEN

DIEPOLDSAU. Wer sich ein neues Velo kaufen möchte, stösst bei den Händlern stets auf grosses Vertrauen. Probefahrten machen zu dürfen, ist selbstverständlich und ohne grosse Bürokratie auch bei wertvollen Velos üblich. Dieses Vertrauen missbrauchte in den letzten Wochen ein dreister Betrüger, der bei etlichen Velohändlern im Rheintal, im Fürstentum Liechtenstein und in der Stadt St. Gallen Velos klaute. Er lieh sie für Probefahrten aus, brachte sie jedoch nicht wieder zurück und beglich auch keine Rechnungen.

Einer der geschädigten Velohändler ist René Burkhard vom Velo-Hangar, Diepoldsau. Er liess den ihm widerfahrenen Betrug nicht auf sich beruhen und setzte alle Hebel in Bewegung, um dem Betrüger und Dieb das Handwerk zu legen. Dies gelang schliesslich, weil er und seine Kollegen zusammenhielten, über Facebook Informationen austauschten und sich so gegenseitig warnten.

Chronologie des Krimis

Am Donnerstag, 10. November, kam der angebliche Kunde in den Velo-Hangar und machte auf René Burkhard einen vertrauenswürdigen Eindruck, wie er gegenüber unserer Zeitung berichtet. Er sei ein sehr freundlicher, umgänglicher Mensch gewesen, der keinen Anlass bot, Verdacht zu schöpfen. Nach einer kurzen Testfahrt brachte er das Velo im Wert von 5800 Franken ordnungsgemäss retour, erinnert sich Burkhard. Zwei Tage später holte er das Velo für eine weitere Probefahrt über das Wochenende ab. Freiwillig und ohne aufgefordert werden zu müssen, deponierte er seine E-Mailadresse und zeigte seinen Ausweis. Als Wohnadresse nannte er eine in Trübbach. Sie fachsimpelten noch miteinander, wobei der vermeintliche Trübbacher das Modell 2012 als ein gutes Zweitvelo bezeichnete.

Alles schien in Ordnung, dachte Burkhard auch noch am darauffolgenden Montag, als er den angeblichen Kunden in Oberriet mit Velo antraf. «Ich habe noch immer keinen Verdacht geschöpft», sagt der Velohändler rückblickend. Am nächsten Tag sollte das Velo zurückgegeben werden. Stattdessen kam per E-Mail eine Entschuldigung wegen schwerer Krankheit und die Aufforderung, die Rechnung per Mail über den vereinbarten Preis zu schicken. «Diese Masche hat er wohl überall durchgezogen», sieht es Burkhard heute. In mehreren Geschäften habe er Velos nach Testfahrten nicht zurückgebracht und nur noch per E-Mail kommuniziert. Den Velo-Hangar vertröstete er mehrmals, er würde bis Weihnachten die Rechnung begleichen – nichts dergleichen geschah. Schliesslich erstattete Burkhard Anzeige bei der Polizei, jedoch zunächst ohne Erfolg. Burkhard begann, seine Kollegen zu warnen und postete eine Personenbeschreibung am 13. Dezember auf der Facebook-Seite vom Velo-Hangar.

Filmreife Verfolgungsjagd

Auch der Velohändler Lindi-Bike in Gams wurde vor rund einer Woche um ein Velo im Wert von 5500 Franken betrogen. Dies berichtet Ralph Nef gegenüber unserer Zeitung. Er ist bei Lindi-Bike als Mechaniker angestellt und hatte auch den mutmasslichen Betrüger kennengelernt. Am letzten Samstag las er eine E-Mail vom Schweizerischen Radfahrer Bund. In diesem wurde vor einem Betrüger gewarnt, der nonstop Velos klaue.

Im Facebook las Ralph Nef auf der Seite von René Burkhard, dass auch der Velo-Hangar betroffen sei.

Als Nef vorgestern an seinem Auto werkelte fuhr ein Velofahrer an ihm vorbei, dessen Gesicht er sofort erkannte und mit dem Betrug in Verbindung brachte. Ohne zu zögern sprang Nef in sein Auto und verfolgte den Velofahrer. Schliesslich stellte er ihn, verständigte die Polizei und hielt ihn fest, bis die Polizei eintraf.

Polizei bestätigt Festnahme

Ein Verdächtiger sei am Montag beim Bahnhof Sevelen festgenommen worden, bestätigt Hanspeter Krüsi (Mediensprecher Kantonspolizei St. Gallen) auf Anfrage. Ein Angestellter eines Velohändlers aus Sevelen habe einen Mann erkannt, den er in Zusammenhang mit den Velodiebstählen bringe. Daraufhin habe dieser die Polizei informiert und ihn festgehalten. Bei der Festnahme habe der mutmassliche Velodieb ein Fahrrad bei sich gehabt, dessen Eigentumsverhältnisse noch abgeklärt werden müssen, sagt Krüsi. Nun werde die Staatsanwaltschaft Uznach ein Ermittlungsverfahren einleiten. Bevor eine Befragung durchgeführt sei, könne er nichts über die Grössenordnung des Diebstahls sagen, die mit der am Montag festgenommen Person in Verbindung gebracht werden könne, erläutert Krüsi.

Grosse Dankbarkeit

René Burkhard ist Ralph Nef sehr dankbar, dass er so schnell reagiert und sich eingesetzt hat. Dies zeige ihm, wie wichtig es sei, zusammenzuhalten und füreinander einzustehen. Auch ist er froh, dass er mit Hilfe seiner Facebook-Seite Kollegen warnen und wichtige Informationen weitergeben konnte.

Als er am Montagnachmittag die Nachricht von Ralph Nef gelesen habe, sein Velo wäre sichergestellt worden, sei er schier ausgeflippt vor Freude, erzählt Burkhard. Nun hoffe er, dass er und die übrigen Geschädigten ihre Velos auch wirklich wieder zurückbekommen.

In St. Gallen habe der Betrüger auch versucht, bei einem Velohändler mit seiner Masche durchzukommen. Für den 3. Januar habe dieser dort eine Testfahrt vereinbart. Spätestens dort wäre er von der Polizei im Empfang genommen worden, sagt Burkhard. Seines Wissens sei zu dieser «Testfahrt» auch die Polizei eingeladen worden.

Aus der ganzen Geschichte, die wohl gut auszugehen scheint, hat René Burkhard gelernt, vorsichtiger zu sein. Künftig wird er sich vor jeder Probefahrt den Ausweis aushändigen lassen und behalten, bis das Velo wieder übergeben oder die Rechnung bezahlt wurde Eine Kopie vom Ausweis anzufertigen, nütze nichts.

Seiner Kundschaft wird er aber nach wie vor Vertrauen entgegenbringen, nur etwas mehr Vorsicht walten lassen, schliesst Burkhard das Gespräch sichtlich erleichtert.





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