Tagblatt Online, 01. September 2010 01:01:07
«Zu viel wird an die Schule delegiert»
Schulleiter Christof Bicker: «Das Elternhaus leistet heute im Durchschnitt weniger Erziehungsarbeit als früher.» (Bild: Bild: Samuel Tanner)
Christof Bicker, Schulleiter der Balgacher Primarschule, spricht im Interview über die Frühförderung und deren Schwierigkeiten, über Chancengleichheit und Kinder, die im Kindergarten noch nicht wissen, wie man eine Schere in der Hand hält.
Herr Bicker, morgen Abend findet in Balgach ein Vortrag von Andrea Lanfranchi zum Thema Frühförderung statt. Wurden Sie als Kind genug gefördert?
Christof Bicker: Ich glaube schon (lacht). Die Erziehung im Elternhaus war damals von grosser Bedeutung. Wir gingen oft in den Wald oder waren im Garten. Hinzu kam die Musikschule, die einen rhythmisch schulte.
Wenn ich heute von Lehrerkollegen höre, dass einzelne Kinder im Kindergarten nicht wissen, wie man eine Schere in der Hand hält, ist mir das unbegreiflich.
Die Eltern, meint Lanfranchi, sollen früh begleitet und unterstützt werden, schon am Wickeltisch statt erst an der Werkbank. Macht die Primarschule Balgach in dieser Hinsicht genug?
Bicker: Nein, wir machen noch zu wenig. Die grosse Schwierigkeit besteht darin, an die Eltern heran zu kommen.
Zwar soll der Vortrag von morgen eine Unterstützung für die Eltern darstellen, aber jene Eltern, die es nötig hätten, werden wohl nicht kommen.
Wie könnte die Schule die Eltern denn früher erreichen?
Bicker: Konkret werden wir einen Flyer mit Hilfestellungen für Eltern möglichst breit verteilen, beispielsweise beim Kinderarzt. Eine Idee ist, die Spielgruppe der Schule anzuschliessen, damit wir die Kinder und ihre Eltern noch früher erreichen. Aber das ist eine Vision.
Ist die Primarschule Balgach bei diesem Thema eine Vorreiterin?
Bicker: Zwar gab es in St. Margrethen schon ein ähnliches Projekt. Trotzdem ist die Frühförderung noch kein breit diskutiertes Thema. Wir wurden aufgrund von akuten Defiziten einiger Kinder darauf aufmerksam und sind eine der ersten Primarschulgemeinden im Rheintal. Weil die Schule nicht verantwortlich ist für die vorschulische Entwicklung, wird dieses Thema teilweise noch zu wenig beachtet.
Was können die einzelnen Lehrercharaktere in der Förderung bewirken?
Bicker: Die Lehrpersonen sind sehr wichtig in diesem Prozess, vor allem als Vorbilder. Entscheidend ist, wie sie auf die Schüler und ihre Eltern eingehen können. Oft ist aber der Zeitpunkt des Schuleintritts schon zu spät – die Kinder sollten schon früher gefördert werden.
An welche Möglichkeiten denken Sie?
Bicker: Optimal wäre, wenn sich die Eltern der Kleinkinder bereits früh austauschen könnten. So wüssten die Eltern, wie weit andere Kinder im selben Alter sind, was andere Eltern mit gleichaltrigen Kindern unternehmen.
Wird mit der Frühförderung nicht eine fragwürdige Gesellschaftsentwicklung unterstützt? Die Kinder müssen immer früher immer mehr können. Platz für Defizite hat es nicht mehr.
Bicker: Die Frühförderung soll lediglich Chancengleichheit ermöglichen, wir möchten Grundlagen vermitteln. Es wird kein Leistungsprinzip angewendet. Auch Kinder mit Defiziten sollen weiterhin einen Platz haben.
Glauben Sie, dass es Ausländer in Balgach generell schwerer haben?
Bicker: Ausländische Kinder haben es nur schwerer, wenn sie die deutsche Sprache nicht sprechen. Daraus entsteht eine Benachteiligung in allen Fächern. Mit Deutschunterricht ab dem Kindergarten bearbeiten wir diese Rückstände aktiv. Die Eltern dieser Kinder nutzen aber ihre Möglichkeiten oft nicht. Das ist natürlich schade.
Die Frühförderung bleibt am Ende an den Lehrpersonen hängen. Ist diese Mehrbelastung zumutbar?
Bicker: Diesen Mehraufwand zu bewältigen, ist für die Lehrer unmöglich. Das Spektrum zwischen den verschiedenen Kindern ist zu gross. Zwar bietet die Schulleitung den Lehrern Hilfe an, aber die Schule hat derzeit zu viele Aufgaben, die Lehrer müssen entlastet werden. Man kann nicht die Erziehung an die Schule delegieren.
Das ist aber immer wieder der Fall?
Bicker: Ja, das Elternhaus leistet heute im Durchschnitt weniger Erziehungsarbeit als früher. Eigentlich war die Schule einst nur als Unterstützung in der Erziehung gedacht. Heute beobachtet man oft das Gegenteil.
Trotzdem: Verlangen Sie von Ihren Lehrern in Balgach bald auch mehr?
Bicker: Wir verlangen jetzt schon viel. Gleichzeitig achten wir aber darauf, dass der Mehraufwand nicht weiter steigt. Sonst gibt es Lehrer, die aussteigen. Wir müssen verschiedene Versuche starten – hoffentlich ist der Weg mit der Frühförderung eine Entlastung für die Lehrer. Wir müssen näher an die Eltern herankommen. Schliesslich geht es uns um die Kinder und deren Chancengleichheit in der Schule.
Interview: Samuel Tanner
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