Tagblatt Online, 09. März 2010 06:56:00
«Ich gehe Problemen auf den Grund»
Lisa di Lena aus Diepoldsau präsentiert ihre Maturaarbeit über die Chancen von Menschen mit Handicap auf dem Rheintaler Arbeitsmarkt. (Bild: Bild: Yannik Poznicek)
HEERBRUGG/DIEPOLDSAU. In einer vierteiligen Serie stellt «Der Rheintaler» vier aktuelle Maturaarbeiten an der Kantonsschule Heerbrugg vor. Lisa di Lena untersuchte die Chancen von Menschen mit Handicap auf dem Rheintaler Arbeitsmarkt.
Yannik Pozní?ek
Mehr als eine Viertelmillion Menschen beziehen in der Schweiz Invalidenrente. Die 6. IV-Revision sieht vor, ab dem Jahr 2012 rund 12 500 Personen mit Handicap wieder in die Arbeitswelt zu integrieren. Darüber, wie die aktuelle Situation in der Rheintaler Privatwirtschaft bezüglich Beschäftigung von Menschen mit Handicap aussieht, informiert Lisa di Lena in ihrer Maturaarbeit.
Handicap ? Behinderung
Bei 400 Unternehmen fragte Lisa di Lena an, ob bei ihnen Menschen mit Handicap angestellt seien. Von 33 dieser Unternehmen erhielt sie eine positive Antwort. Diesen schickte di Lena einen Fragebogen zu, auf den sie ihre Maturaarbeit aufbaut. Auffällig ist, dass der grösste Teil der Menschen mit Handicap nicht in Grossunternehmen, sondern in KMUs beschäftigt ist.
Handicap bedeutet nicht Behinderung, obwohl es im Alltag oft als Synonym verwendet wird. Das Wort Handicap wurde von der Weltgesundheitsorganisation WHO als «soziale Behinderung» definiert. Ein einfacher Brillenträger ist zwar in gewissem Masse «sehbehindert», aber noch lange nicht «handicapiert». Sobald man jedoch ein Hörgerät trägt oder einen Blindenstock benutzt, wird das Handicap offensichtlich und auch von aussen sofort als Handicap wahrgenommen.
Menschen mit Handicap haben genau aus diesem Grund, wegen der Offensichtlichkeit ihrer Behinderung, schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
Baugewerbe ist führend
Der Rheintaler Arbeitsmarkt hat seine Kapazitäten für die Integration von Menschen mit Handicap noch lange nicht ausgeschöpft. Nur rund 16 % der Unternehmen haben Menschen mit Handicap angestellt. Möglich wäre ein Vielfaches, wenn weitere Unternehmen mehr Sozialkompetenz beweisen würden. Die besten Chancen, eine Arbeitsstelle zu finden, haben Betroffene im Baugewerbe.
42 % der Angestellten mit Handicap sind im Baugewerbe tätig. Insgesamt ist aber nur jeder fünfzigste Angestellte im Rheintal handicapiert. Die Vermittlung der Arbeitsplätze erfolgt zumeist durch Verwandte und Bekannte. Leider ist im die momentane Wirtschaftslage alles andere als optimal. Dies wird oft als Grund für Absagen verwendet.
Am Ende ihrer Maturaarbeit präsentiert Lisa di Lena verschiedene Lösungsansätze wie etwa finanzielle Anreize vom Bund für die Unternehmen oder zusätzliche Aufklärung seitens der IV.
Nur ein Prädikat
«Auf jeden Fall», antwortet Lisa di Lena auf die Frage, ob sie dasselbe Thema noch einmal wählen würde. «Ich gehe Problemen gerne auf den Grund.» Allerdings finde sie den Aufwand für eine Maturaarbeit viel zu gross. Im Zeugnis stehe ja nicht mal eine Note, sondern nur ein Prädikat.
Den Anstoss, ihre Maturaarbeit zu diesem Thema zu schreiben, gab ihr älterer Bruder Markus. Der 21-Jährige ist seit seiner Geburt hörbehindert. «Ich verstehe ihn und seine Situation nun viel besser», erklärt die Kantonsschülerin weiter. Ihr persönlicher Höhepunkt während der Erstellung der Maturaarbeit war denn auch, als Markus eine Lehrstelle als Logistiker bei der Sefar AG fand. Nach der Matura möchte Lisa di Lena in Basel Gesellschaftswissenschaften studieren.
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