Preise für Boden im roten Bereich

RHEINTAL ⋅ Ein schönes Haus – neu, geräumig, mit einem Stück Wiese, fünfeinhalb Zimmer: wie geschaffen für eine Familie. Wäre da nicht der Preis von 1,32 Mio. Franken. Doch das grössere Problem besteht darin, dass das normal ist.
14. September 2017, 05:20
Gert Bruderer

Gert Bruderer

Das beschriebene Eigenheim wird im Internet angeboten. Es befindet sich in Widnau, ist dieses Jahr fertiggestellt worden – und wartet nun auf die Belebung.

Immobilien-Treuhänder Roger Stieger macht eine Miene, die einen Seufzer erwarten lässt. Aber den eigenen Unmut über die ungesunde Entwicklung erstickt er im selten gewordenen Glücksgefühl: Eben erst habe er einer jungen Familie ein wirklich schönes Haus verkaufen können, in Kriessern, einseitig angebaut, für rund 800000 Franken.

Problem hat sich jüngst weiter verschärft

Die Preise für Wohnhäuser, vor allem aber für Bauland, haben sich in vier, fünf Jahren verdoppelt. Sie sind zum Problem geworden, das sich jüngst weiter verschärft hat, sogar deutlich. Norbert Lüchinger, der Leiter der Raiffeisenbank Oberes Rheintal, wird im Wochenrhythmus gefragt, ob er keinen Tipp für Bauland habe.

Die, die helfen könnten, sind vor allem die, die Bauland haben, aber es behalten wollen.

Vielleicht, weil sie es brauchen.

Vielleicht, weil sie denken, es werde noch mehr wert.

Entscheidend ist: Wer Bauland möchte, findet kaum noch welches.

Lieber klein als gross und unerschwinglich

Es ist ein Gesetz des Marktes: Was es kaum gibt, ist umso teurer. Vorbei die ganz und gar nicht fernen Zeiten, in denen Altstätter Boden für 250 und 300 Franken zu haben war. 600 Franken sind es heute, oder etwas mehr, 650 Franken überraschen auch nicht mehr.

Die Erfahrung Stiegers deckt sich diesbezüglich mit derjenigen des Bankers. Tendenz weiter steigend, meint der Immobilien­experte, den es vor Jahrzehnten nach Balgach verschlug. Obschon er dort ansässig wurde, bescheinigt er Altstätten, im Rheintal die schönste Gemeinde zu sein.

In Widnau ist eine Parzelle zu haben, die trotz des Quadratmeterpreises von 950 Franken nur darum noch nicht weg ist, weil die Grundstücksfläche 650 Quadratmeter beträgt. Das bedeutet: 617500 Franken hat eine Familie, die hier bauen möchte, allein für den Boden zu bezahlen.

Dann lieber wenig Umschwung und notfalls noch mehr für den Quadratmeter aufwenden. Denn 400 Quadratmeter à 1100 Franken (zum Beispiel) ergeben weit tiefere Bodenkosten. Anstelle der 617500 Franken kostet das kleinere Stück des klar teureren Bodens «nur» 440000 Franken.

Schon die Zahl 1200 gehört

Wer nun einwendet, die 1100 Franken seien ein Fantasiepreis, der irrt sich. Norbert Lüchinger sagt, im Raum Widnau und Diepoldsau habe er schon die Zahl 1200 gehört. Andere Stimmen meinen zu Kriessern, der Preis für den Quadratmeter sei dort ebenfalls drauf und dran, vierstellig zu werden – oder ist es im Einzelfall schon.

Der früher massgebliche Steuerfuss spielt längst eine untergeordnete Rolle. Verschiedene Branchenkenner nennen übereinstimmend den vorrangigen Grund, der speziell junge Familien ermuntere, sich in einem Ort wie Kriessern oder Montlingen niederzulassen. Die Autobahn ist zwar ein Argument; dass sie so nahe ist, spielt sicher mit. Aber vielen noch viel wichtiger ist nun das früher Verpönte, der «Kaff-Charakter». Der ist jetzt das Nonplusultra, ein Dorf wie Kriessern wie eine Oase im Wirrwarr neuzeitlicher Widrigkeiten.

Der Dörfligeist feiert bei den Jungen seine Renaissance, der nahe bei null liegende Ausländeranteil begeistert Eltern, die sicheren Schulwege lassen sie ruhig schlafen im ruhigen Dorf.

Eigentumswohnungen ziehen mit

Schlechte Träume haben vielleicht andere. Architekten und Investoren, die sich auf Bauland stürzen wie Raubvögel auf ihre Beute, und junge Familien, die vergeblich nach etwas Eigenem suchen und nichts finden können.

Nichts Erschwingliches.

Im östlichen Mittelrheintal, in Widnau zum Beispiel, hat selbst eine schöne, geräumige Eigentumswohnung mit grossem Balkon oder Terrasse bereits einen Preis, der die Vorstellung von überbordendem Luxus nährt.

Der Abstand zur magischen Grenze – zur Million – ist nur noch klitzeklein.


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