Grundsteinleger und Meistertrainer

RINGEN ⋅ Der 54-jährige Hugo Dietsche ist seit fünf Jahren zum wiederholten Mal Trainer der ersten Mannschaft der RS Kriessern. Direkt vorher amtete er als Technischer Leiter, die meisten seiner Mattenkämpfer hat er von klein auf begleitet.
06. Dezember 2017, 05:22
Yves Solenthaler

Yves Solenthaler

Am Sonntag nach dem 20:14-Sieg im ersten Finalkampf gegen Willisau ist Hugo Dietsche daheim in Sevelen mit Videostudium beschäftigt. So kann er jeweils die Szenen vertiefen, die ihm während der Begegnung oft nur flüchtig auffallen.

Im ersten Training der Woche – die Kriessner Premium-League-Ringer trainieren drei bis vier Mal pro Woche mit der Mannschaft – teilt er seinen Schützlingen die wichtigsten Erkenntnisse mit. «Das ist einfacher als früher, weil die Ringer ihren eigenen Kampf inzwischen selbst im Internet sehen», sagt Dietsche. Als Hausaufgabe würde er das aber nicht ­bezeichnen: «Sie schauen ihren Kampf sowieso an.»

Ein Ringerleben für die Ringerstaffel Kriessern

Nach dem Auswärtssieg zum Auftakt kann die RS Kriessern am nächsten Samstag in Widnau den zweiten Meistertitel in Folge sichern, den elften der Vereinsgeschichte. «Wir haben noch nichts erreicht ausser dem Finaleinzug», sagt Dietsche. Und eine gute Ausgangslage in diesem ­Final – das bestätigt er erst auf Nachfrage.

Hugo Dietsche ist ein Ringer, seit er neunjährig war, der Mattenkampf war immer seine einzige Sportart, die er wettkampfmässig betrieben hat. Nach der Aktivkarriere, die Dietsche vor 18 Jahren beendete, hat er manchmal Squash gespielt. Inzwischen beschränkt er sich auf Krafttraining, was ringerspezifisch ist und er mit seiner Trainerfunktion kombinieren kann.

Der 54-Jährige kann auf eine sehr erfolgreiche Aktivkarriere zurückblicken. Er gewann an den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles als bisher letzter Schweizer Ringer eine (Bronze-)Medaille, in den 80er-Jahren gehörte er zum Kriessner Team, das Meisterschaften in Serie gewann. Im Alter von 26 bis 31 Jahren kämpfte der Betriebselektriker in der deutschen Bundesliga; es war sein einziges Engagement ausserhalb der RS Kriessern: «Profi war ich aber auch in dieser Zeit nicht.» In Deutschland habe er als Ringer zwar mehr Geld verdient als in der Schweiz: «Aber zum Leben hätte das auch nicht gereicht.»

Schon als Aktiver war Dietsche mal während einer Saison Trainer des NLA-Teams. Auch danach hat er immer als Trainer gearbeitet – abgesehen von seiner Zeit als Technischer Leiter. Mit verschiedenen Aufgabengebieten, aber immer für die Ringerstaffel Kriessern. Er hat geholfen, die Basis zu legen, dank der die Kriessner Ringer nach vielen Jahren des Darbens wieder zur nationalen Spitze gehören: «Die meisten Kämpfer der aktuellen Mannschaft habe ich von früh auf begleitet, das ist schon speziell.»

Der dreifache Familienvater trägt auch mit seiner Familie zu diesem Ringernachwuchs bei. Mario und Tanja Baumgartner hat seine Frau in die Ehe eingebracht. Mario war vor etwa zehn Jahren als internationaler Ringer erfolgreich (Rheintaler Sportler des Jahres 2017).

Heute ist der 21-jährige Marc Dietsche, Hugos leiblicher Sohn, ein Leistungsträger des Teams. Er hat kürzlich die U23-WM bestritten, wo er Achter wurde. Ein paar Monate vorher an der EM gab es für ihn gar den fünften Rang. Marc Dietsche hat auch Spezialtrainer, aber in der Kriessner Mannschaft ist sein Vater auch der Coach. «Bisher nimmt er meine Tipps gerne an», sagt Hugo Dietsche. Muss er nicht aufpassen, den Sohn nicht mit Geschichten von früher zu nerven? «Diese Gefahr ist bei mir klein», lacht Hugo Dietsche. Er lebt und denkt im Jetzt.

Das bedeutet freilich nur, dass er die Vergangenheit ruhen lässt, die Zukunft treibt ihn durchaus um. «Die derzeitigen Erfolge sind schön und auch eine Motivation für unsere Nachwuchsringer», sagt Hugo Dietsche, «aber darauf ausruhen dürfen wir nicht.»

Denn eine Sportlerkarriere ist zeitlich beschränkt, die Mannschaft muss sich laufend erneuern: «Es ist wichtig, dass junge Ringer nachrücken.» Dafür muss der Verein schon früh und intensiv mit guten Trainern arbeiten. Nachwuchsverantwortliche der RS Kriessern sind zurzeit Reto Wüst (Jugend) und Patricia Fiechter (RiKidz, also die Jüngsten). Sie liefern Hugo Dietsche die Talente, die er in die erste Mannschaft einbauen kann. Das ist etwas, worauf er als Trainer viel Wert legt, auch in dieser Saison hat Dietsche 18 Ringer eingesetzt. «Nur wenn wir regelmässig rotieren, können wir den Jungen das Gefühl geben, gebraucht zu werden», sagt er.

Und gebraucht werden sie, vielleicht noch nicht jetzt, aber sicher in drei oder fünf Jahren. «Die Basis eines erfolgreichen Teams sind aber internationale Ringer», weiss Dietsche. Mit einem starken Team könne er es sich leisten mit der Aufstellung zu experimentieren und auch mal zwei Niederlagen in Kauf zu nehmen, ohne den Match zu verlieren. Kleinere Vereine wie die Ringerriege Schattdorf hätten diese Möglichkeit nicht.

Einzelsportler mit Sinn für die Mannschaft

Ringen ist ein Einzelsport. Die Eigenmotivation der Athleten ist grösser als meist in Mannschaftssportarten. Aber auf einen guten Teamgeist kann eine erfolgreiche Mannschaft nicht verzichten. «Wir unternehmen viel gemeinsam, die Ringer sind auch privat oft zusammen.»

In der Mannschaftsmeisterschaft geht es für den einzelnen Athleten nicht bloss um den Sieg. Die Kriessner etwa müssen in den mittleren bis höheren Gewichtsklassen oft darum ringen, einzelne Punkte für die Mannschaftswertung zu gewinnen. Dass dies im ersten Kampf gegen Willisau gelang, war nebst den Zu-Null-Siegen der Spitzenringer der Schlüssel zum Erfolg.

Denn der hohe Sieg täuscht über die Tatsache hinweg, dass beide Teams je fünf Kämpfe gewannen.

Gerade für die sportlichen Aussenseiter im Team ist der Teamgeist wichtig. Denn jeder Sportler möchte gewinnen, nur einzelne Punkte fürs Team zu sichern ist daher eine potenziell undankbare Aufgabe. «Je besser die Mannschaft funktioniert, desto eher geht einer auf der Matte bis an oder gar über die Schmerzgrenze», sagt Hugo Dietsche.

Diese Leidensfähigkeit dürfte auch im zweiten (und hoffentlich entscheidenden) Kampf der Schlüssel zum Erfolg sein.

RS Kriessern – RC Willisau

Der zweite Finalkampf findet am Samstag, 9. Dezember, in Widnau statt. Mit einem weiteren Sieg wird Kriessern Meister, sonst gibt es am 16. Dezember einen dritten Kampf.


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