Es gibt sie noch, die Wunder

REBSTEIN/HEERBRUGG ⋅ Rheinholzer Silvan Kühnis stürzte beim Biken in einen Graben, brach sich vier Halswirbel, war gelähmt, kämpfte sich aus dem Rollstuhl und sagt heute froh: «I ha ghörig dra gschaffet.»
04. Oktober 2017, 05:20
Gert Bruderer

Gert Bruderer

Inmitten des Elends gab es ein Schlüsselerlebnis. Eines Tages spürte der inzwischen 52-Jährige die linke grosse Zehe – und er wusste, dass er wieder würde gehen können.

Irgendwann.

Sonst hatte nichts darauf hingedeutet. Silvan Kühnis, einst Briefträger, dann Kaufmann, hatte eben erst mit einem Partner angefangen, eine Firma aufzubauen, als das Unheil über ihn ­hereinbrach.

Silvan Kühnis spricht von einem Crash. Den hatte er im Jahr 2005.

Kopfvoran in einen Graben

Die Kurzfassung geht so: Bike-Ausflug auf der vorarlbergischen Weissenfluhalp, früher Abend, Abwärtsfahrt auf unbekanntem Weg, als dieser plötzlich endete, inmitten einer Wiese. Silvan Kühnis dachte, überquere ich sie halt – und dann erwachte er und sah die Sterne über sich am Himmel.

Ein Entwässerungsgraben, eineinhalb Meter breit und genauso tief, überwachsen mit Gras und deshalb nicht erkennbar, war dem Oberrieter, der in Rebstein lebt, zum Verhängnis geworden. Kopfvoran war er hineingestützt. Er lag da, bewegungslos, bewegungsunfähig, das Handy im Rucksack, Schlamm und irgendwelche Viecher im Gesicht. Er habe sie gegessen, sagt er, «so ­kamen sie wenigstens weg».

Täglicher Kampf gegen die Muskeln

Seine Geschichte erzählt Silvan Kühnis am 10. Oktober im Kinotheater Madlen in Heerbrugg. In einem Text zu diesem Anlass steht der Satz: «Es gibt sie noch, die Wunder.»

Silvan Kühnis kann tatsächlich wieder gehen, schwimmen, joggen, sogar biken. Nur die Feinmotorik in den Händen, die ist schlecht geblieben. Sie erfordert noch immer den täglichen Kampf gegen die eigene Muskulatur, gegen den Drang der Finger, sich krampfartig zusammenzuziehen.

Wunder Nummer eins geschah am Tag nach jener Nacht, als Silvan Kühnis stundenlang im Graben lag. Er schaffte es, den Graben zu verlassen, ohne dass er heute weiss, wie das gelang. Er weiss hingegen, dass er daran dachte, ins Büro zu müssen, schleppte sich ins neue Leben, richtete sich auf mit aller Kraft, er zählte seine Schritte – 1243 seien es gewesen, bis ihn jemand festhielt, ein Architekt.

Jetzt schnell ins Spital nach St. Gallen.

Intensivstation, 14 Tage.

Vier Halswirbel gebrochen – zweiter, dritter, vierter, fünfter. Silvan Kühnis zeigt ein Röntgenbild. Zwei andere, der sechste und der siebte, waren mit zwanzig bei einem Autounfall zu Bruch gegangen, drei Monate lag Silvan Kühnis im Gips.

Dem Spitalaufenthalt folgte die Zeit in Nottwil, Paraplegikerzentrum. Acht Monate war Silvan Kühnis dort, vom Hals abwärts gelähmt.

Tetraplegiker.

Wie es gelungen war, sich selbst zu retten, sei ein Rätsel, sagt er, auch den Ärzten.

Sich selbst viel näher

Was er weiss: Zehn Jahre hat er sich zurückgekämpft. Das liege wohl an seinem Naturell, sagt Silvan Kühnis, an der Wesensart des Rheinholzers. Aber auch am kleinen Glück im grossen Unglück: Das Nervensystem war beim Unfall nicht vollständig durchtrennt worden.

Der neue Freund wurde der Laufroboter. Täglich half er üben. «Mal ging’s besser, mal weniger gut», sagt Silvan Kühnis, das Adjektiv «schlecht» kommt ihm nie über die Lippen, das ist es, was Kinotheater-Betreiber Aldo Zäch, als er noch lebte, besonders beeindruckte.

Die lebensbejahende Haltung. Die Ausdrucksweise. Der Blick auf die neue Chance.

Trotz eines Schmerzsyndroms, das sich entwickelt hatte. «56000 Tabletten in zwölf Jahren», sagt Silvan Kühnis und fügt lächelnd an, drum gehe es der Pharmaindustrie so gut.

«Eine Chance lässt sich aus jedem Ereignis entwickeln», sagt der Oberrieter. Indem er seine nutzte, sei er nun viel näher bei sich selbst. Kein Groll ist mit Enttäuschungen und Kränkungen verbunden. «Ich war nicht mehr tragbar», sagt der 52-Jährige unverblümt, er habe nichts ertragen, «för d’ Famili isch da wörkli gär nöd schö gsi». Mit Respekt und Anstand hätten seine Frau und er die Ehe aufgelöst.

Zweiter Kampf vor Gericht

Ein nebenher geführter Kampf ist jener gegen die Versicherung. Über ein Jahrzehnt hat sich die Sache hingezogen, tragisch nennt der Oberrieter, was da abgegangen sei – «erniedrigend» und «unfassbar». Doch habe die Zermürbungstaktik nicht gefruchtet. Silvan Kühnis liess sich nicht ­entmutigen, er gab nicht auf, zog bis vors Bundesgericht.

Mit einem Rheintaler und ­seiner Beharrlichkeit habe die Gegenpartei nicht gerechnet.

Mit einem Rheinholzer schon gar nicht.

Selbst der Tätigkeit am Fluss geht Silvan Kühnis wieder nach. Er ist zwar etwas eingeschränkt; die ab und zu schlaflosen Nächte der letzten Zeit hatten mit seinem Handicap aber nichts zu tun.

Was Silvan Kühnis in Unruhe versetzte, das war das Rampenlicht, in dem er nächste Woche steht. Die Bühne. Sein Vortrag mit Fotos und Videoszenen.

Etwas völlig Neues.

Eine neue schöne Chance.

Vortrag

Silvan Kühnis, Dienstag, 10. Oktober, 19.30 Uhr, Kinotheater Madlen in Heerbrugg.


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