Die Marke, die ungern klebt

SONDERMARKE ⋅ Ein Briefmarkensammler aus Rheineck staunte nicht schlecht: Die Briefmarke Selfie, die kürzlich erschienen ist, wollte einfach nicht kleben. Schon ihr Aussehen ist speziell.
02. Oktober 2017, 05:18
Gert Bruderer

Gert Bruderer

Auf der durchgehend silbrigen Fläche ist oben links ein dezent angebrachtes «Helvetia 100» erkennbar, unten links, in grüner Schrift, steht «Selfie». Wer mehr erfahren möchte, braucht ­womöglich eine Lupe. Das Jahr des Erscheinens (2017) und der Name der Künstlerin (Nicole Jara Vizcardo) sind jedenfalls sehr klein.

Der Sammler, 69-jährig, Philatelist seit 55 Jahren, wünscht wegen der Wertsachen daheim keine Namensnennung. Doch sein Urteil darf man wissen: Ein Schildbürgerstreich sei diese Briefmarke, denn wer sie verwende, müsse doch tatsächlich Leim zur Hand nehmen.

Philatelist scheiterte mit allen Versuchen

Eine gummierte Briefmarke aus dem Jahr 1955 erfüllt hingegen willig ihren Zweck. Der Sammler schleckt sie ab, drückt sie kurz auf ein Couvert – voilà, sie klebt. Die neue Marke jedoch hat er vergeblich minutiös untersucht, um hinter ihr Geheimnis zu kommen und herauszufinden, was er anzustellen habe, damit das Objekt sich als Frankatur ­gebrauchen lässt. Vergeblich. Weder lässt sich die Briefmarke abziehen noch hilft die altbewährte Befeuchtungsmethode. Drei Versuche enden allesamt ohne Erfolg, andere waren zuvor ohne Zeuge gescheitert.

Die Beschwerde bei der Post habe die folgende Auskunft gebracht: Man müsse die Marke stark befeuchten und länger als gewöhnlich andrücken. Alter­nativ sei die Beschwerung mit einem geeigneten Gegenstand möglich. Der vernichtende Kommentar des Philatelisten: «Da gibt es nur eins: Aus dem Verkehr ziehen und einstampfen.» Anders tönt es von der Post. Mediensprecher Oliver Flüeler sagt, es habe keine negativen Rückmeldungen von Kunden gegeben, dafür sehr wohl positive.

Post: «Es gab nur positives Echo»

Die Leute hätten Freude an der originellen «Selfie»-Sondermarke. Flüeler sagt, für diese Marke, die keine reine Papierbriefmarke sei, habe sich nicht das übliche Material verwenden lassen. Die Gummierung auf der Rückseite der Briefmarke habe sich nicht so leicht anbringen lassen wie sonst. Die Aufsaugqualität entspreche nicht jener von ­üb­lichen Briefmarken. Deshalb dauere es etwas länger, bis die befeuchtete Marke auf dem Couvert haften bleibe.

Originell ist die Selfie-Sondermarke zweifelsfrei. Sie ist mit einer Silberglanzfolie beschichtet, in der sich das Konterfei des Betrachters spiegelt. Der Briefmarkenbogen mit 20 Selfie-Marken sieht wie ein Tablet aus und «ergibt so ein perfektes Sinnbild einer Symbiose aus digitaler und analoger Wirklichkeit», wie die Post schreibt.

Im täglichen Gebrauch bereitet die Briefmarke – wie mehrere Tests zeigten – nicht unbedingt Freude. Als Sammelobjekt hingegen hat sie sicher ihren Reiz. Und siehe da: Bei einem vierten Test mit ein wenig zeitlichem Abstand blieb die Selfie-Marke doch tatsächlich auf dem Umschlag kleben.

Den Doch-noch-Erfolg ermöglichten die Beschränkung auf wenig Speichel und festes Andrücken während dreissig Sekunden.


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