Ärger, Freude, Brücke

ST. MARGRETHEN ⋅ Brücken haben Symbolkraft. Das gilt auch für die übergrosse Schere, mit der bei der Eröffnung der neuen Zollbrücke das Band durchschnitten wurde. Die Stimmung war aber nicht immer so toll gewesen.
02. Dezember 2017, 09:05
Gert Bruderer

Gert Bruderer

Das Band spannten hohe Gäste quer über die Brücke, sodass sich mit der Schere etwas «Trennendes» aus der Welt schaffen liess. Im Alltag war mitunter die Beseitigung von Schwierigkeiten nötig, was natürlich ohne Festlichkeit geschah.

Man erinnere sich an ein Ereignis, das die Wogen hochgehen liess wie die Sommerhitze den dringend zu erneuernden Autobahnbelag: Als die Unternehmer mit ihren Arbeiten beginnen wollten, stoppte Bern die Vorarbeiten völlig überraschend.

Thomas Ammann aus Rüthi kam dadurch zu einer ersten ernsthaften Aufgabe als Nationalrat, indem es darum ging, Druck aufzusetzen. Bei der Eröffnung der Zollbrücke klang Ammann versöhnt: «Wir sind zwar weit von Bern entfernt, aber dort hat man erkannt, dass das Rheintal eine wichtige Region mit wichtigen Verflechtungen und Beziehungen in die angrenzenden Länder ist.»
 

«Zu viele Mauern, zu wenig Brücken»

Der St. Galler Regierungsrat Marc Mächler freute sich, bei seiner Rückfahrt von St. Margrethen nach St. Gallen erstmals die erneuerte östliche Hälfte der Autobahn befahren zu können. Die fertige Zollbrücke ist Teil dieses Sanierungsprojekts, das noch ein Jahr dauert. Gleich anschliessend werde die «gute grenzüberschreitende Zusammenarbeit bei Mäder und Kriessern fortgesetzt, bemerkte Vorarlbergs Landesstatthalter Karlheinz Rüdisser. Jene Brücke wird bekanntlich umgebaut.

Politische Grenzen mögen auf dem Papier wichtig sein, sagte Mächler, doch im Alltag seien sie es nicht. Es passte zum von Ammann verwendeten Zitat, die Menschen bauten zu viele Mauern und zu wenig Brücken (Isaac Newton, 1642 – 1726). Höchsts Bürgermeister Herbert Sparr dachte noch ein Stück weiter, indem er sagte: «Wir sprechen zwar immer noch von der Zollbrücke, aber vielleicht fällt ja der Zoll irgendwann.»
 

Friedauers Hoffnung: Mehr Velofahrer

St. Margrethens Gemeindepräsident Reto Friedauer bezeichnete die neue Brücke als zentrale Verbindungsachse für den grenzüberschreitenden Langsamverkehr. Nachdem Regierungsrat Mächler zur Beendigung des «Kalten Krieges» zwischen motorisiertem und nicht motorisiertem Verkehr aufgerufen hatte (natürlich nicht, ohne die Bedeutung der neuerdings breiteren Fuss- und Velowege hervorzuheben), verwies Friedauer einmal mehr auf das «grosse Potenzial» des nicht motorisierten Pendlerverkehrs. Ungefähr die Hälfte aller Pendler und Grenzgänger wohnten in E-Bike-Distanz zu ihrem Arbeitgeber, sodass die Zahl der 500 Velos pro Tag sich vervielfachen könnte.

Angesichts der passenden Gelegenheit kam Friedauer auch auf die Autobahnverbindung zwischen der Schweiz und Österreich zu sprechen, die das Tal sich seit bald sechzig Jahren herbeisehnt. Friedauers Hoffnung auf eine «zeitnahe Verwirklichung» nährte Marc Mächler mit dem Satz: Nach Jahrzehnten des Stillstands komme nun Bewegung in die Sache.
 

Ganz ohne Rivalität geht es nicht

Jürg Röthlisberger, Direktor des Bundesamts für Strassen (Astra), legte dar, wie der Verkehrsnachfrage angesichts von Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum grundsätzlich begegnet wird. Röthlisberger nannte die effizientere Nutzung der Verkehrsflächen und Angebote, die Stärkung des öffentlichen Verkehrs und den gezielten Ausbau der Strassen, die Sicherstellung des Unterhalts sowie die Verbesserung der Strasseninfrastruktur. Die nun eröffnete Zollbrücke zwischen St. Margrethen und Höchst bezeichnete der Astra-Chef als ein «Sahnestück» der Autobahn-Erneuerungsarbeiten im Rheintal, die sich über 8,5 Kilometer erstrecken.

Übrigens: Die beiden Ortschaften Höchst und St. Margrethen gehörten einst zusammen. Durch die Entstehung der Eidgenossenschaft geriet aber der Rhein zunehmend zur Grenze. «Bis 1612 gehörte St. Margrethen zu Höchst», meinte der Höchster Bürgermeister, was Thomas Ammann zu einem spontanen Zwischenruf veranlasste: «Umgekehrt.»

Ein klein wenig Rivalität ist, bei allem Verbindenden, halt doch immer noch da.


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