«Es sind alli so nätt»

HEERBRUGG ⋅ Die Theatergruppe der Kantonsschule hat das Stück «Homo Empathicus» aufgeführt. Die Inszenierung gehört zum Besten, was an der Kanti in den letzten Jahren gezeigt wurde.

13. Februar 2017, 05:39
Benedikt Weissenrieder

Benedikt Weissenrieder

Empathie: eine gute Sache zweifellos, eine wichtige auch, das Sich-Einfühlen-Können und Sich-Einfühlen-Wollen, unabdingbare Basisausstattung des anständigen Menschen, unbedingt erstrebenswert – und meist gerade dort fehlend, wo sie am dringendsten gebraucht würde. So weit erstens. Nun aber zweitens: Kann Empathie gefördert werden, indem man bei jeder Gelegenheit darüber spricht? Vor zehn Jahren dürfte der Begriff manchem kaum bekannt gewesen sein, der ihn heute gern im vollen Munde führt: Empathitis allenthalben, und die Welt war noch nie so gut wie jetzt. Der mittlerweile von rechtsaussen genüsslich zitierten Political Correctness kommen dabei unschätzbare schwesterliche, Verzeihung: schwesterbrüderliche Mitverdienste zu.

Gnadenlos nur das, was jedem wohltut

Schwesterbrüderlich geht es auch in Rebekka Kricheldorfs Stück «Homo Empathicus» zu und her. Ihre satirische Dystopie zeigt eine Welt, in der sich jedes in jedes einfühlt und jedes zu jedem lieb ist und jedes nur das tut und sagt, was jedem wohltut, aber das ununterbrochen und gnadenlos. Und alle haben mit ihrem Geschlecht auch gleich noch ihr Hirn verabschiedet, aber das Ding war ja immer schon lästig, und für Probleme, die in Wirklichkeit natürlich Chancen sind, nicht wahr, gibt es ein zeigefingerschwingendes Dozierendes, ein dauerlächelndes Wegsprechendes und Drogen, falls nicht schon der Gruppendruck genügt, um porentiefe Happiness zu erzeugen. Ein totalitärer Albtraum – und ein toller thematischer Ansatz für ein Theaterstück.

Schlau gemacht und präzise gespielt

Dieses hat sich die Theatergruppe der Kantonsschule Heerbrugg vorgenommen und eine Inszenierung geschaffen, die als solche zum Besten gehört, was an der KSH in den letzten Jahren gezeigt wurde. Die Bühne steht als langes Rechteck mitten im Raum, und darauf tummelt sich munteres Empathievolk in kuscheligen bunten Overalls und ist lieb miteinander. Das ist so schlau gemacht und so präzise gespielt, dass dem Publikum alsbald die Erkenntnis aufgeht, dass diese infantilen Hüpfburg-Roboter alles andere als glücklich sind. Und dann platzen plötzlich zwei Typen ins keimfrei-idyllische Parkgrün, die direkt einer Rocky-Horror-Version von «Wer hat Angst vor Virginia Woolf» entlaufen sein könnten: unflätig, brutal, obs­zön – der Zuschauer atmet erleichtert auf und fühlt sich fast wie zu Hause. Gar nicht erfreut hingegen reagieren die humanoiden Kuscheltiere, die sich verschreckt und hilflos an den Bühnenrand geflüchtet haben. Wie gross ist aber das allgemeine Aufatmen, als sich herausstellt, dass alles nur Theater war – mehrfach angekündigt zwar, aber die beiden Wüstlinge stürmen die Bühne mit solcher Wucht, dass niemand mehr an diese Hinweise denkt, auch der in Wellness eingelullte Zuschauer nicht. Er nimmt den auf der Bühne bejubelten Übungsabbruch mit stillem Bedauern zur Kenntnis, bevor er herzhaft zum Schlussapplaus ansetzt. Alle haben ihn verdient, die vielen Schüler-Schauspieler (selten hat der Rezensent die generische Form lustvoller zelebriert), die in diesem Ensemblestück mit wunderbarem Engagement ihr Bestes gegeben haben, und das Regieteam (Milena Todic, Theo Scherrer, Nando Büchel), das hoch professionelle Arbeit verrichtet hat. Das Stück ist aber auch geradezu massgeschneidert für ambitioniertes Schultheater. Dass es insgesamt allzu harmlos daherkommt, hat die Autorin zu verantworten, auch dass es bis über die Pause hinaus kaum dramatische Spannung enthält und Szenen aneinanderreiht, die sich ähneln und wiederholen – die Langeweile einer selbstzweckhaft empathisierten Welt verschont auch den Zuschauer nicht. Immer wieder aber gibt es starke Momente, etwa das von Gelächterzwitschern orchestrierte Massenknuddeln oder die Episode jenes «Studierenden», das sich «physisch uninteressant» findet und sich nach einem Besuch beim Fachmenschen, wo das verschämt geflüsterte «hässlich» streng als «nicht angemessen» verurteilt wird, von jedem sagen lässt – sagen lassen muss –, es habe «sehr schöne Augen». Denn wir sind zwar nicht alle gleich, aber wir sind alle gleich schön.

Etwas mehr Biss wäre möglich gewesen

So hat also der gesamthaft allzu zahme Text – enthält er nicht selbst etwas von dem, was er karikiert? Ist auch er nur Theater? – durchaus seine Höhepunkte. Etwas Biss hätte das farbenfrohe Spektakel erhalten, wenn als Musik für die kurzen Tanzeinlagen des Ensembles Pharrell Williams’ «Happy» verwendet worden wäre, das ja im quasi offiziellen Video der Kantonsschule betanzt wird, derselben Kantonsschule notabene, die letztes Jahr eine Art Empathie-Tag durchgeführt hat und selbstverständlich auf Sprachregelungsformeln wie «Schülerinnen und Schüler» beharrt. Oder «SuS», wenn grad niemand hinsieht.


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