Archäologie mit dem Traktor

ALTSTÄTTEN ⋅ Ohne zu graben, entdeckt der gebürtige Altstätter Wolfgang Neubauer unter der Erde ganze Römerstädte. In Stonehenge gelang ihm eine Sensation. Jetzt erzählt er von seinen ungewöhnlichen Methoden.
16. Februar 2017, 05:37
Roger Berhalter

Roger Berhalter

Sie sind ursprünglich Rheintaler. 1963 wurden Sie als Kind österreichischer Gastarbeiter in Altstätten geboren, wo sie auch aufgewachsen sind

Nein, als Kind von Fremdarbeitern! Damals nannte man das noch so. Von Gästen sprach man erst ab den 1970er-Jahren. Aber ja, ich bin im Rheintal aufgewachsen und wurde dort sozialisiert. Mit 15 Jahren war ich auf der Burg Gräpplang bei Flums übrigens auch zum ersten Mal bei einer archäologischen Ausgrabung dabei.

Mittlerweile leben Sie in Wien und sind weltweit führend im Gebiet der «virtuellen Archäologie». Sie entdecken, was im Untergrund liegt – ohne zu graben. Wie funktioniert denn das?

Wir verwenden Methoden, die ursprünglich entwickelt wurden, um Rohstoffe zu finden. Wir messen physikalische Eigenschaften des Untergrunds. So können wir Rückschlüsse darauf ziehen, wie er aufgebaut ist.

Sie scannen also den Boden, ähnlich wie man es von Ultraschalluntersuchungen kennt?

Das ist eine Methode, ja. Allerdings verwenden wir nicht Ultraschall, sondern elektromagnetische Wellen. Durch sie erhalten wir ein dreidimensionales Bild des Untergrunds, das auch für Laien leicht zu lesen ist. Da sieht jeder sofort die römische Stadt.

Mit welchen weiteren Methoden arbeiten Sie?

Wir kombinieren verschiedene Verfahren, bis wir den grossen Zusammenhang sehen. Wir messen zum Beispiel das Erdmagnetfeld mit hochsensiblen Geräten. Eine Steinmauer im Untergrund ist unmagnetisch, die Erde drumherum magnetisch. Auch Löcher in der Erde, die später wieder aufgefüllt wurden, können wir identifizieren. Die Datenverarbeitung ist dabei jedoch nicht ganz einfach. Bei Radarmessungen fallen pro Tag bis zu 50 Gigabyte Daten an, und wir messen Quadratkilo­meter in höchster Auflösung.

Ihre Entdeckungen in Stonehenge haben weltweit Aufsehen erregt. Stimmt es, dass Sie schon wenige Tage nach Beginn Ihrer Messungen auf eine wissenschaftliche Sensation gestossen sind?

Ja, das stimmt. Wir haben in der zweiten Woche eine Anlage entdeckt, die Jahrtausende lang unter einem Grabhügel versteckt war. Sie ist älter als der berühmte Steinkreis und noch aus Holz gebaut. Dieser Entdeckung folgten weitere. Bei Grabungen war man vorher noch nicht darauf gestossen, die Monumente aus Holz, zum Teil um das Fünffache grösser als Stonehenge, wurden dann erst mit unseren Methoden sichtbar.

Warum erst jetzt? Warum verband vor Ihnen kaum jemand Archäologie mit Informatik?

Informatik als Disziplin gibt es ja eigentlich noch gar nicht so lange. Bei mir fing das übrigens auch alles erst an der Kantonsschule Heerbrugg an.

Erzählen Sie!

Wir hatten einen tollen Lehrer dort, der uns zeigte, wie man unsere Taschenrechner programmierte. Das war ein gescheiter Input, der nicht nur bei mir etwas bewirkte. Mehrere meiner Klassenkollegen aus jener Zeit verbanden später im Studium und Berufsleben die Erkenntnisse aus der Informatik mit anderen Disziplinen.

Wer an Archäologie denkt, sieht Ausgrabungsstätten vor sich. Kann man auch am Computer Archäologe sein?

Ja, auf jeden Fall. Mit unseren Methoden erhalten wir ein virtuelles Abbild des Untergrunds, das wir am Computer darstellen und interpretieren. Und zwar in einem Massstab, der mit einer Grabung unmöglich zu erreichen ist. Wir können ganze Landschaften untersuchen und abbilden.

Sind Sie als «virtueller Archäologe» eine Ausnahme?

Wir sind noch eine Minderheit, aber wir werden immer stärker. (lacht) Graben Sie selber noch?

Ja. Ich bin ja auch Professor an der Universität Wien, da führen wir mit den Studenten jedes Jahr spannende Lehrgrabungen durch. Zuletzt in Stonehenge, aber auch hier, natürlich ausgerüstet mit modernster digitaler Technik.


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