Am Bringtag viel gebracht – auch Geschichten

ALTSTÄTTEN ⋅ Auf dem Tisch im Museum liegen prachtvolle Stickereien, ein Mäschlisockel, ein Fotoalbum. Eine Stunde, bevor der Bringtag endet, kommt das Ehepaar Kuster mit einer Wunderschachtel daher.
13. Februar 2017, 07:13
Vom 30. April bis 29. Oktober findet die Sonderausstellung statt, für die es den Bringtag gibt. Sie heisst: «Grenzland. Jacob Rohner und die Stickereizeit im Rheintal». Diese Zeit, deren Höhepunkt ein Jahrhundert zurückliegt, nähert sich dem Ende. Neun bis zwölf Lohnsticker gebe es noch in der Schweiz, sagt Hannes Kuster aus Diepoldsau. Er und seine Frau Judith sind mit einer prall gefüllten Kartonschachtel gekommen.

Kleider, Tücher und viel Erzähltes
Davor haben sich über zehn Rheintalerinnen und Rheintaler herbemüht, schon vor dem Samstag wurden verschiedene Leihgaben gebracht. Die Bilanz am Ende stellt Kurator Marcel Zünd zufrieden: Insgesamt 19 Personen steuern zahlreiche Kostbarkeiten von historischem und speziell ideellem Wert zur Sonderausstellung bei. Vor allem Kleider und Tücher wurden als Leihgaben zurückgelassen, aber auch schöne, vor Ort erzählte Geschichten haben die Leute «gebracht». Zünd, den Volkskundler, freut diese Art von «oral history» besonders.

Manche hatten mit Jacob Rohner zu tun
Fast das ganze Haus soll für die Präsentation der zusammengetragenen Stücke genutzt werden. Die letzte Personalchefin der Jacob Rohner AG hat grössere Stickereien da gelassen, die Marcel Zünd zum Schwärmen bringen. «Schauen Sie nur», sagt er, «was hier eingestickt ist, sieht aus wie Perlen.» Den Fachbegriff für die «Perlen» – Kreuzbollen – steuert Hannes Kuster bei.

Jemand brachte ein auf dem Estrich gefundenes Bild vorbei, «das ist besser, als wenn es vergammelt», meinte der Mann. Eine Dame aus Rebstein erzählte von ihren Eltern und deren Beziehung zum Stickereigewerbe. Der Vater arbeitete als der letzte Buchbinder bei Jacob Rohner, im mitgebrachten Jacob-Rohner-Journal findet sich über ihn ein Porträt. Die Mutter war ebenfalls im Betrieb tätig, später arbeitete sie zu Hause, die Kinder beteiligten sich an der Heimarbeit.

Den Niedergang der Branche haben auch Hannes und Judith Kuster hautnah erlebt. Bettwäsche herzustellen, lohnt sich seit bald drei Jahrzehnten nicht mehr, auch die Tischwäsche kommt heute aus China. Nur Unterwäsche wird in der Diepoldsauer Arno Kuster AG noch gemacht.

Als Hannes Kuster die Schachtel öffnet, kommt ein interessantes Stück nach dem andern zum Vorschein: eine Punchrolle, Werkzeuge, ein alter Schifflirichtapparat und manches mehr.
Die Punchrolle (eine Lochkarte in Form eines langen Bandes) bestimmte die Bewegungen und Funktionen der Maschine, mit dem Schifflirichtapparat war die Fadenspannung regulierbar. Auch ein Mustersäckli der früheren Jacob Rohner AG und verschiedene Stickereien kommen zum Vorschein.

Mit Zeitungen ist es wie mit Stickereien
Eine ebenfalls mitgebrachte Zeitungsbeilage informiert den Leser über textile Berufe und eine einst neue Berufslehre. Auch ein Inserat der Firma Jacob Rohner ist enthalten. Die Beilage stammt aus dem Jahr 1984. Mehr noch als die Stickereien und alten Geräte legen diese Zeitungsseiten Zeugnis davon ab, wie schnell die Zeit sich wandelt.

Gert Bruderer

www.iigfädlet.ch

Leserkommentare

Anzeige: